Mutterangst und Vaternerven

Seit es meine Kinder gibt überfallen mich nie gekannte Ängste. Jede Mutter kennt das und vielleicht jeder zwanzigste Vater. Irgendwie schieben die Männer da eine ruhigere Kugel! Wie geht das bloß?

Als sie Babys waren horchte ich Nachts auf ihren Atem, wachte bei jedem strampeln auf und sah Badewannen, Treppen und Küchen plötzlich als potentielle Todesfallen. Als sie laufen lernten wurde es noch schlimmer! Ich fürchtete die Kinder beim Einkaufen zwischen den Regalen zu verlieren, oder, dass sie auf die Strasse liefen und ein Auto sie ... nein, das darf man gar nicht zu Ende denken! Abgesehen von Fluchtplänen, die ich mir zurecht legte, falls das Haus einmal zu brennen beginnen sollte und ich vielleicht plötzlich mit zwei Kindern unter die Arme geklemmt in die Nacht hinaus laufen müsste, war immer Wasser die schlimmste Vorstellung für mich. Statistisch gesehen sterben immer noch die meisten Kinder durch ertrinken!

Mein Sohn war zwei, als wir mit Freunden zum Badeteich fuhren. Sie waren entspannt, ich entsprechend nervös und übervorsichtig. Die Sonne schien heiß, mein Mann und ich wechselten uns ab mit der Beobachtungsschicht, in der kein Auge vom Kind abweichen durfte. Handschlag, Ablöse zum Schwimmen, abtrocknen und Augen wieder aufs Kind. Das ging soweit gut, bist ich auf die Toilette musste: "Du bist dran! Ich gehe hinüber zum Gasthaus aufs Klo, bin in zwei Minuten wieder da!", sagte ich zu meinem Mann, der neben unserem Söhnchen am Badehandtuch hockte. Also los, und so rasch ich konnte wieder zurück.

Da war eine Warteschlange vor dem Klo, da war eine Muschel verstopft, da schwitzte ich und trat nervös von einem Bein aufs andere.

Endlich dran, endlich fertig, endlich auf dem Weg zurück, finde ich die Beiden nicht da wo sie zuvor waren. Meine Augen suchen den Liegeplatz ab, das seichte Wasser davor, die nähere Umgebung drum herum. Berühren andere Kinder, andere Leute, andere Orte und kommen wider zurück unserem Platz. Keine Spur von den Beiden, keine Spur von unseren Freunden. Die Schwimmflügerl liegen am Platz, die Badehose aber nicht...er wird doch nicht...ohne...Nein!

Weit draußen schwimmt ein Floß. Darauf steht jemand und stakst es mit einer langen Stange auf den Teich hinaus. Darauf sitzten ein paar Erwachsene und ganz am Rand, da steht mein Sohn. Er hält ein kleines Stöckchen in der Hand und rührt damit im tiefen, schlammig trüben Wasser unter sich. Mein Herz setzt ein paar Schläge aus und hämmert dann im Wahnsinnstempo in meiner Brust. Ich pfeife den lautesten Pfiff meines Lebens, pantomime meinem Mann ihn doch festzuhalten, schnappe die Schwimmflügerl zwischen meine Zähne und werfe mich im Kraultempo ins Wasser um zur Rettung meines Kindes an das Floß zu gelangen.

Schreiend vor Angst und Wut bekommt mein Mann den Kopf gewaschen, halte ich mein Kind, ziehe es weg vom Rand des Floßes und packe es in seine Schwimmflügel. Noch heute sehe ich mich manchmal in Gedanken zu spät kommen. Ich sehe ihn fallen...

© LunaPetunia