Sind so kleine Seelen...

Am Fenster drückt er sich hinter den Vorhang, denn er kann nicht nach draußen sehen. Er kann es einfach nicht!

Draußen, das ist da, wo er schon seit ein paar Tagen liegt. Keiner darf zu ihm, keiner darf ihn von dort weg holen, keiner darf sich in seine Nähe wagen und helfen, das kann ihm schon lange niemand mehr. Er ist tot! Seit Tagen schon liegt er da. Es waren Hunde in der Straße, die konnte er nachts hören, wie sie sich anbellten und wie sie rauften um das "Futter". Nichts anderes ist sein Freund jetzt, er ist Futter und er liegt auf der Strasse. Niemand darf ihn holen, außer er möchte selbst dort liegen, an seiner Seite, als Fressen für die Hunde und sicher auch für die Fliegen. Die Scharfschützen sitzen auf den Dächern und zum Teil auch hinter anderen Fenstern und ihren Vorhängen.

"Geh weg da! Geh sofort zurück in die Küche!", schreit ihn seine Mutter in heiserem Flüsterton an, denn sie getraut sich schon seit Monaten nicht mehr lauter zu sprechen. Er kann sich nicht lösen, er klammert sich in die Falten des Vorhangs, bis die Vorhangstange sich an einer Seite löst und, herabgezogen von seiner Angst um seinen Freund, nun schräg vor dem Fenster hängt.

Harte Hände packen ihn und ziehen, ziehen den Vorhang und ihn in den befohlenen Raum. Küche nennen sie es immer noch, Küche ist es aber schon lange nicht mehr! Es ist der Raum für alles, in dem er mit seinen zwei Schwestern, Mama, Papa und Onkel Riad lebt. Kein anderes Zimmer ist mehr zu gebrauchen, kein anderes Zimmer ist noch sicher. Aber was ist denn überhaupt noch "sicher"? Er hat die Bedeutung des Wortes vergessen, nur den Namen seines Freundes da draußen, den kann er nicht vergessen.

Papa hält ihn zurück, streichelt ihm durch das Haar und legt die Lebensmittel auf den Tisch, die er aus dem Keller geholt hat. Letzte Vorräte, aber Hunger hat niemand. Papa lebt, aber sein Freund ist tot. Das ist wichtig, denn Papa war mit ihm da draußen, als die Scharfschützen ihn erwischten. Aber Papa ist schneller gerannt und wieder zurückgekehrt in das Küchen-Zuhause. Lange schauen sie sich an, sie wissen beide, dass es keinen anderen Gedanken mehr geben kann, solange ein 16-jähriger Junge auf der Strasse zu Hundefutter wird und ihn keiner begraben kann.

(Geschichten, die mit den Flüchtlingen kamen...)

© LunaPetunia