Wenn du glaubst es geht nicht schlimmer...

...dann kann es immer noch Winter werden!

Eine Geburt ist eine unglaubliche Ausnahmesituation und Geschichten darüber gibt es zu Hauf. Nun will ich die Sache mal von meiner Sicht aus angehen und über meine eigene Geburt berichten. Da ich ja dabei war, aber noch nicht in der geistigen Verfassung es auch wirklich bewusst zu erleben, so dass ich jetzt davon erzählen könnte, muss ich es auch mit den Worten anderer tun, die es erzählen konnten.

Es war eine verschneite Dezember Nacht und mein Vater ließ seine hochschwangere Frau, also meine Mutter, für einige Stunden alleine, um sich mit Freunden zu treffen. Das war schon in Ordnung so, hätte nicht meine Mutter prompt Wehen bekommen. Sie ließ sich vom Krankenwagen abholen, denn mein Vater war über das Telefon leider nicht erreichbar. Und der Schnee fiel weiter, während sie im Krankenhaus angewiesen wurde nicht mehr aufzustehen. Alle paar Minuten kam eine Schwester und drehte sie von einer Seite auf die Andere. Mehrere weitere Betten in dem großen Raum verbargen Gebärende hinter dünnen Vorhängen. Schreiend und weinend quälten sie sich ihre Kinder aus dem Leib. Meine Mutter hatte Angst und sie war zornig. Sie wollte aufstehen, durfte aber nicht, sie sollte sich nur alle paar Minuten wieder auf die andere Seite rollen. Den Sinn darin verstand sie nicht, er wurde ihr auch nicht mitgeteilt, und die Wehen wurden stärker, so wie ihr Gefühl, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte.

Die Winternacht schritt voran, mein Vater konnte nicht mehr fort. Er war eingeschneit und mit der "Ente" (Citroen 2CV), die als Familienfahrzeug damals genügen musste, gab es keine Möglichkeit mehr nach Hause zu kommen. Hätte auch nichts genützt, denn da war ja niemand mehr.

Mittlerweile war ich geboren. Da es ja kalt war und Winter, hatte ich mir die Nabelschnur mehrmals um den Hals gewickelt, auch einmal um die Brust, und kam blau vor Kälte zur Welt. Sie schnitten mich aus meiner Ummantelung und ich durfte nach einem kräftigen Schrei zu Mama. Da wurden meine Backen rot und mir wurde richtig warm.

Am nächsten Tag lernte ich auch Papa kennen. Da konnte er endlich durch den Schnee und ahnte schon, wo wir hingefahren waren. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, mit den langen Haaren und seinem schwarzen Vollbart, der sein ganzes Gesicht verschlang. Schlechtes Gewissen hatte er sicher, aber ich schenkte ihm mein bestes, schwaches Lächeln, das ich zustande brachte. Das hat irgend jemand fotografiert und ich kann es mir heute noch ansehen.

Auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, war es bestimmt ein toller Winter 1982! Viel Schnee! Und immerhin bin ICH ja auf die Welt gekommen. ;-)

© LunaPetunia