Ich stecke fest, im Einzelhandel...

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Ich stecke fest, im Einzelhandel... | story.one

"Wie hältst du dieses Gedudel nur den ganzen Tag aus?" fragte mich einst eine Freundin als sie bei einem kurzen Telefonat die Hintergrundmusik hörte, die non-stop während meiner Arbeit läuft. - Ja, das frage ich mich inzwischen auch immer öfter. Nach dem Abitur war ich froh überhaupt einen Nebenjob gefunden zu haben. Ich hatte so viele Bewerbungen geschrieben und niemand wollte mich als studentische Aushilfe auf 450€ Basis beschäftigen. Bis ich über eine Bekannte auf den neuen Laden aufmerksam wurde, der in der Innenstadt eröffnet hatte. Ein niederländisches Kosmetikunternehmen von dem viele bezweifelten, dass deren Konzept sich in unserer Kleinstadt halten würde. Aber inzwischen existiert der Laden schon ganze 6 Jahre und ich bin seit 5 Jahren mittendrin.

Ich habe in den 5 Jahren viel gelernt, bin über mich hinausgewachsen, wenn ich Passanten im Winter mit heißem Tee in den Store locken sollte oder unzählbaren Kunden gratis die Hände massierte, um die Produkte vorzustellen. Es war kein klassischer Job in der Forschung oder an der Uni, wie ihn viele meiner Kommilitonen hatten. Ich habe gelernt zu verkaufen, die psychologischen Tricks eines immer weiter aufsteigenden Unternehmens. Anfangs war ich begeistert von den fernöstlichen Traditionen, an die die Produkte angelehnt sind. Inzwischen sehe ich vieles kritischer. Ich habe es geliebt zu bedienen, zu beraten, aber das verkaufen wurde mir wohl nicht in die Wiege gelegt. Ich habe jeden Kunden versucht mit Herz zu beraten und nicht auf Teufel komm raus die angepriesenen Produktneuheiten zu verkaufen. Das Sammeln von E-Mail Adressen, permanente Zahlenvorgaben die man erreichen sollte, die Umsatzsteigerung im Vergleich zum Vorjahr... Es wurde immer mehr Druck.

Dennoch möchte ich die Zeit nicht missen. Die Magie des Einzelhandels? Meiner Meinung nach das Weihnachtsgeschäft. In einem kleinen Store wie unserem war das immer die stressigste aber zugleich auch die schönste Zeit des Jahres. Einerseits die langen Kassenschlangen, alles so eng, dass man kaum an die Regale kam, um Produkte nachzufüllen. Die furchtbar laute Weihnachtsmusik den ganzen Tag. Aber andererseits so viele strahlende Gesichter, wenn sie dank dir endlich das richtige Geschenk für jemanden gefunden haben. Am 24.12.2019 hatte ich Tränen in den Augen als meine Schicht vorbei war und ich wusste, dass es mein letztes Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel war.

Jetzt erwähne ich in jeder Bewerbung meine ausgeprägte Serviceorientierung sowie meine hervorragenden Kommunikationsfähigkeiten. Aber nach Corona einen Einstiegsjob in meinem eigentlichen Berufsfeld zu finden, für das mich mein Bachelorstudium scheinbar auch nur so semi qualifiziert hat, ist verdammt aussichtslos momentan. Ich merke, dass meine Zeit im Einzelhandel vorbei ist, dennoch habe ich Sorge auch dieses Jahr noch das Weihnachtsgeschäft mitzuerleben. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

© Lynn Morrison 01.08.2020