Jener Abend in Florenz

Im Nachtzug nach Rom, den ich im März 2009 in der Absicht genommen hatte, meinen italienischen Jugendfreund wieder zu treffen, überkamen mich plötzlich Zweifel...

Elio hatte mir im fernen Jahr 1972 insgesamt 10 Briefe und mehr als 30 Ansichtskarten geschrieben. Manchmal fanden sich unter den Briefmarken noch weitere Botschaften in winziger Schrift, wie:

"Erinnerst Du Dich an jenen Abend in Florenz? Ich werde ihn nie vergessen."

Es kam auch vor, dass er mich anrief und anschließend schrieb:

"Cara piccola, ich bin so überglücklich gewesen Deine Stimme wieder zu hören, auch wenn die Verständigung ein wenig schwierig war. Zum Telefonieren bin ich in die Nähe des Ortes gegangen, wo wir uns kennengelernt haben. Beim Verlassen der Telefonzelle glaubte ich Dich wiederzusehen. Es war nur eine Illusion, die Sehnsucht nach Dir war zu groß. Ti voglio bene."

Ab und zu blitzte in den Briefen auch ein wenig Schalk durch:

"Die Dusche kaum beendet habe ich mich an's Schreiben gemacht. (Warte einen Augenblick, ich zünde mir eine Zigarette an.) (Danke, dass Du gewartet hast.)"

In den beiden letzten Briefen schrieb er mir, dass er nicht mehr in Florenz wäre, sondern in Livorno beim Battaglione Carabinieri Paracadutisti.

"Ich bin jetzt Fallschirmjäger. Ich habe bereits 6 Absprünge aus dem Flugzeug gemacht und während dieser Flüge am Himmel habe ich immer an Dich gedacht. Du bist für mich der Schutzengel, der in diesen Momenten über mein Leben wacht, in denen ich an einem großen Schirm aus weißer Seide hänge. Es ist ziemlich gefährlich Fallschirmjäger zu sein, und ich möchte Dir auch das Motiv sagen, warum ich das tue: Du musst nämlich wissen, dass ich von klein an ein schüchterner Bub gewesen bin. Mir ist es nie gelungen Teil einer Gruppe zu werden, weil ich mich für minderwertig hielt, und als mir das bewusst wurde, habe ich immer die gefährlichsten Dinge gemacht. Als 10-Jähriger wetteiferte ich mit meinen Kameraden, wer auf die höchsten Bäume klettern würde, und mit dem Risiko mich zu erschlagen war ich immer der Beste. Und heute um mich zu überzeugen, dass auch ich etwas wert bin, gebe ich also den Fallschirmjäger."

Ich habe es noch oft bereut auf diesen Brief nicht mehr geantwortet zu haben.

Mehr als 30 Jahre später erhielt ich wieder Post von Elio, zuerst ein Weihnachts-Billett und dann einen längeren handgeschriebenen Brief:

"Mia bellissima Viennese, wie ich dir schon in unseren ersten E-Mails geschrieben habe: Ich habe dich nie vergessen. So oft habe ich an dich gedacht und dank des Internets ist es mir geglückt dich wiederzufinden und nun möchte ich dich nie mehr verlieren. Seitdem wir wieder in Kontakt stehen, habe ich häufig nachgegrübelt, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn wir uns damals weiterhin geschrieben hätten; ebenso oft habe ich mich gefragt, ob auch du in all dieser Zeit an mich gedacht und dir gewünscht hast, mich wiederzusehen? Hast du es getan?"

Ja, ich habe es getan.

Als ich in Roma Termini ankam, waren alle Zweifel verflogen.

© Madeleine Wolensky