Liebesbriefe aus Rom

Das Weihnachts-Billett aus Rom erreichte mich in Wien nach den Feiertagen. Nicht die Verspätung überraschte mich - wer wundert sich schon über die sprichwörtlich bekannte Unzuverlässigkeit der italienischen Post- sondern der Absender. Von ihm hatte ich mehr als dreißig Jahre lang nichts gehört und auch keine Briefe erhalten.

Als ich die Weihnachtsgrüße in der mir sofort wieder vertrauten Handschrift las, erinnerte ich mich deutlich an jenen Sommernachmittag in Florenz: Ich war mit einer Freundin auf Maturareise und soeben hatte mich ein dunkel gelockter schwarzäugiger Italiener auf der Piazza della Signoria angesprochen. Er hörte auf den schönen Namen Elio, war 21 Jahre jung und machte gerade eine Ausbildung zum Carabiniere. Wir unterhielten uns mehr schlecht als recht in einem französisch-italienischen Kauderwelsch, zu dessen Unterstützung wir Hände und Füße dringend benötigten. Unsere Gesten, die uns die willkommene Gelegenheit zu vorerst verstohlenen Berührungen boten, wurden immer lebhafter und hatten daher auch leidenschaftlichere Liebkosungen zur Folge. Nur schweren Herzens trennten wir uns und schrieben uns während dieses Sommers sehnsüchtige Briefe. Diese wurden allerdings im Herbst, als ich zu studieren begann und damit neue und für mich ungewohnte Aufgaben zu erfüllen hatte, immer seltener. Im Winter brach ich dann den Briefwechsel mit Elio völlig ab, beeinflusst sicherlich auch durch meine Eltern, die befürchteten ihre Tochter an einen Italiener zu verlieren.

Lange war ich unentschlossen ob ich den aktuellen Weihnachtsbrief beantworten sollte - er enthielt übrigens keine Post-, sondern eine E-Mail-Adresse. Zu Ostern siegten dann meine Neugier und wohl auch die sentimentale Hoffnung jugendliche Frühlingsgefühle wieder erleben zu dürfen. Ich sandte einen kurzen Ostergruß per E-Mail. Und sofort kam Elios Antwort, ob ich mich an ihn erinnern würde, er hätte mich nie vergessen und hoffe auf weitere E-Mails. Und die folgten dann schnell, ergänzt durch alte und etliche neue aktuelle Fotos, die unser gegenseitiges Gefallen neuerlich begründeten und verstärkten. Irgendwann fand ich auch Elios alte Jugendbriefe wieder, nicht mehr als eine Hand voll, die ich mit all den anderen jemals erhaltenen Liebesbriefen in den Tiefen meines Bücherschrankes aufbewahrt hatte. Ich las sie voll leiser Wehmut, schrieb Elio in meinem ihm zu Liebe neu aufpolierten und zusehends verbesserten Italienisch davon und ließ sie ihm auf seinen Wunsch per Scan nach und nach zukommen. So wechselten sich in unserer Korrespondenz E-Mails mit handgeschriebenen Briefen aus dem vergangenen Jahrtausend ab. Diese Mischung trug dazu bei, unsere längst vergangene Leidenschaft neu und heftig zu entfachen und der Sehnsucht nach einem Wiedersehen trotz aller Widerstände -wir waren beide seit vielen Jahren fest gebunden - nachzugeben.

Am Ende eines Tages im März nahm ich den Nachtzug nach Rom.

© Madeleine Wolensky