Mädchenname

Mit meinem Namen "Madeleine" war ich immer zufrieden. Kein anderes Mädchen hieß so, weder in der Volksschule noch im Gymnasium in Wien-Favoriten, wo ich 1972 maturierte. Ich fühlte mich direkt angesprochen, als Vico Torriani den Schlager sang: "Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine, doch dass ich so verliebt bin, das liegt an Madeleine." (Später dann nach ein paar Monaten Französischunterricht in der Oberstufe fand ich mehr Gefallen an Jacques Brels "Ce soir j'attends Madeleine".)

Auch an meinem Nachnamen "Wolensky", der polnischer Herkunft ist, hatte ich nichts auszusetzen. Ich trug ihn seit meiner Geburt, und als mir mein Vater, ein waschechter Wiener, erklärte, die französisch-polnische Kombination mache meinen Namen besonders interessant, fantasierte ich mich als polnische Emigrantin in Paris und beschloss, nie einen anderen Namen zu tragen. Dieser Wunsch war in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts etwas weltfremd, zwangen doch sowohl das damalige Namensrecht als auch die gesellschaftlichen Gepflogenheiten Frauen dazu, bei Eheschließung den Namen des Ehemannes anzunehmen. Das äußerste Zugeständnis war die Möglichkeit einen Doppelnamen zu führen, also den sogenannten "Mädchennamen" an den Ehenamen anzuhängen.

Nach einer längst fälligen Gesetzesänderung wurde es den Frauen dann endlich möglich ihren Namen zu behalten, und mein langjähriger Freund und ich beschlossen zu heiraten. Wir gaben am Standesamt unsere Absicht bekannt, als gemeinsamen Familiennamen meinen Mädchennamen führen zu wollen. Die Reaktion des Beamten werde ich nicht vergessen. Er hielt meinem Zukünftigen die Konsequenzen seines Namenswechsels eindringlich vor Augen, von denen die Hänseleien der Freunde und der Spott der Arbeitskollegen noch die harmlosesten waren. Die standesamtliche Schwarzmalerei blieb ohne Erfolg und ich bei meinem Mädchennamen.

Und diesem Mädchennamen habe ich es zu verdanken, dass mich mein italienischer Jugendfreund nach mehr als dreißig Jahren wieder fand und sein Weihnachts-Billett aus Rom bei mir ankam. Hätte ich wie so viele Frauen meiner Generation den Namen meines Mannes angenommen, wäre das nicht möglich gewesen. Getarnt mit einem fremden Namen wäre ich unauffindbar geblieben für Elio und hätte so viel versäumt: Eine aufregende E-Mail-Korrespondenz mit einem Herz und sonstige Organe erwärmenden Gefühlsaustausch in Folge aufgefrischter Erinnerungen und neu entfachter heftiger Leidenschaft; das Wiedererlernen der melodiösen italienischen Sprache; die Beschäftigung mit der Kultur des Bel Paese und das intensive Hineintauchen in die Literatur wie z.B. in die Lektüre der herausragenden vierbändigen Neapel-Saga "L'amica geniale" von der ebenso brillanten wie geheimnisvollen Elena Ferrante...

Ich hätte sie versäumt, meine wunderbare storia d'amore.

Wen wundert es, dass ich mit meinem Mädchennamen sehr zufrieden bin?

© Madeleine Wolensky