Blechschaden und rauschende Ballnacht

Ein Jännerabend. Ich ging zu später Stunde über den Heldenplatz in Wien. Da sah ich wie ein Auto an ein geparktes Auto anfuhr. Ich stellte den Fahrer zur Rede und machte ihn auf den Schaden aufmerksam. Damals war das reine Versicherungssache. Doch der Lenker, offensichtlich betrunken, beschimpfte mich als langhaariges Gesindel, verlausten Gammler und raste davon. Ich habe mir aber das Kennzeichen gemerkt. Ich schrieb auf einen Zettel meine Telefonnummer dem Hinweis "Zeuge"und steckte diesen am beschädigten Auto in die Windschutzscheibe.

Am folgenden Tag rief ein Mann an. Der Schaden sei groß und wenn der schuldige Lenker ausgeforscht würde, könnte die Versicherung zahlen. Ich gab ihm alle Informationen. Tage später rief der Geschädigte wieder an: "Lieber Herr, es ist alles geklärt, der Schaden wird bezahlt. Was schulde ich ihnen?" Ich lehnte eine Belohnung ab, mit dem Hinweis, dass Helfen für mich eine Selbstverständlichkeit sei. Da kam die Frage:"Gehen sie gerne auf Bälle?" Diese Frage traf mich voll, denn ich liebte Bälle und ich tanzte sehr gern. Kaum hatte ich "ja" gesagt kam die Antwort: "Das trifft sich gut. Ich arbeite im Ballkomitee der Hofburg. Als Dank für ihre Hilfe hinterlege ich zwei Karten auf ihren Namen. Sie brauchen nur zu kommen und sich vorstellen, alles andere ist von mir geregelt."

Ich feute mich riesig. Ein Ball in der Hofburg war damals sehr begehrt. Voll Tatendrang und Vorfreude fragte ich eine hübsche und tanzfreudige Kollegin, ob sie mit mir zum Ball in die Hofburg gehen möchte. Die aber winkte ab: "Die Karten sind viel zu teuer und ich habe nur mehr wenig Geld. Und bald sind wieder die Studiengebühren fällig. Danke, sehr lieb, aber es geht leider nicht, obwohl es mich sehr gereizt hätte." Darauf ich:"Wenn ich dich einlade? Ich habe Karten." "Woher?" "Das erzähle ich dir, wenn du mitgehst."

Am Wochenende trafen wir uns vor der Hofburg, sie in elegantem, roten Abendkleid, ich in einem geborgten Anzug. Aufgeregt schritten wir die Treppe mit dem roten Teppich empor. Ein Saaldiener, aussehend wie ein großer Pinguin, stürzte auf uns zu. Mit verachtendem Blick auf meine langen Haare, verlangte er barsch die Eintrittskarten. Ich fürchtete schon, der Abend ist beim Teufel. Dazu käme noch die Enttäuschung und Blamage. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sagte mit kräftiger Stimme: "Ich bin der Graf vom Heldenplatz und unsere Karten liegen hier auf!" Da schwebte ein zweiter "Pinguin" heran: "Das geht in Ordnung, ich weiss Bescheid. Guten Abend, Herr Graf, willkommen, bitte folgen sie mir." Er geleitete uns wie ein Prinzenpaar in den Festsaal, wünschte einen vergnüglichen Abend, verbeugte sich und entschwand. Mit triumphierendem Stolz sah ich meine Partnerin an, die aus dem Staunen nicht herauskam.

Obwohl wir uns in den Tanzpausen auf der Toilette mit köstlichem Hochquellenwasser laben mussten, da das Geld für mehr teure Getränke nicht reichte, erlebten wir eine schöne, lange, lange, lange Ballnacht.

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