Keine Schule heute

Die Grenze war nicht mehr so dicht und Europa nicht mehr so streng in Ostblock und Westen geteilt. In dieser Zeit fuhr ich oft nach Budweis in der damaligen Tschechoslowakischen Republik.

Obwohl ich in Südböhmen als wichtigster und prominenter Gegner der Atomkraftwerke Temelin und Dukovany bekannt war, hatte ich bei der Ein- und Ausreise nie Probleme gehabt. Ich war auch des öfteren in der Handelsakademie in Budweis, um bei der Umstellung auf neue und westlich orientierte Lehrpläne zu helfen.

Eines schönen Tages fuhr ich privat mit Bekannten nach Budweis, um ihnen die schöne mittelalterliche Stadt zu zeigen. Es war aber kein freier Parkplatz zu finden. Nach langem, vergeblichen Suchen, kam die Erleuchtung: der Schulparkplatz bei der Handelsakademie. Der liegt ganz in der Nähe des Zentrums. Kurz entschlossen fuhr ich dort hin. Die Plätze waren zwar für Lehrer reserviert, aber ich stand ja schon öfter dort bei meinen offiziellen Besuchen. Gut gelaunt, weil so viele Plätze frei waren, parkte ich das Auto und wir machten uns auf den Weg in die Stadt.

Nach Stunden kam ich zurück. Meine Gäste waren noch in einer Konditorei eingekehrt, um ausgezeichnete, böhmische Mehlspeisen zu kaufen. Ganz allein stand es da mein Auto und ......es hatte Klammern an den Antriebsrädern. Verärgert suchte ich die nahegelegene Polizeistation auf. Dort befahl man mir, freundlich lächelnd, zum Auto zu gehen und zu warten. Bald kam auch ein Streifenwagen mit zwei Polizisten. Sie verlangten die Autopapiere und auch den Reisepass. Nebenbei klärten sie mich auf, dass ich mich auf einem Privatparklatz befinde, der nur mit Berechtigung benützt werden darf. Da begann ich meine Verteitigungsrede mit grossem Selbstbewußtsein: " Ich bin von der Schule als Gast eingeladen worden und habe heute mit Kollegen am neuen Lehrplan gearbeitet. zu guter Letzt war ich noch beim Direktor zum Kaffee eingeladen." Fast ehrfürchtig, so kam es mir vor, hörten sie mir zu, nickten zwischendurch, während sie sich gegenseitig anschauten. Dann sprach der eine Polizist: "Sie sind der sogenannte "Temelinprofessor?" "Ja." "Aus Österreich?" "Ja" antwortete ich und war mir sicher, sie schwer beeindruckt zu haben. "Und sie waren heute hier in der Schule?" "Ja." "Bei den Lehrern und auch beim Direktor?" "Ja, das habe ich schon erzählt." "Wie heißt der Direktor der Schule?" "Talir" stieß ich triumphierend hervor. "Gut. Das ist jetzt sehr interessant, was sie uns da erzählt haben. Aber sie sollten wissen, dass heute bei uns schulfrei ist. Niemand ist da und die Schule ist geschlossen."

Ich stand da, wie ein ertappter Dieb. Doch sie lachten, verlangten 200 Kronen (damals waren das ein paar Schilling), gaben mir eine Quittung und entfernten die Klammern am Auto. Dann wünschten sie mir noch gute Heimreise und ich sollte mich vorher besser informieren.

Seither schmeckt mir das echte Budweiser Bier besonders gut.

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