Nächtliche Abenteuer

Mit 10 Jahren kam ich in eine höhere Schule und ins Internat. Dort verbrachten ich die Zeit von September bis Ende Juni. Nur zu Weihnachten fuhr ich ein paar Tage nach Hause. Die Verkehrsmittel waren so, dass eine Heimfahrt einer kleinen Weltreise glich. Das Internatsleben war eine aufregende, spannende Zeit mit Lernen, Sport, Wanderungen, Festefeiern usw. Ich fühlten mich wohl. Allerdings hatte das Internatsleben den Nachteil. dass ich wenig von der Welt draussen mitbekamen. Es war ja verboten das Heimgelände zu verlassen, wenn nicht ein besonderer Grund vorlag.

Doch ich wurden älter. Die Neugierde wurde drängender. Es kam an Wochenenden zu verbotenen Ausbrüchen. Mit einem Freund, er hieß Karl und war auch schon 17 Jahre alt so wie ich, schlich ich des öfteren nachts hinaus. Wir bestiegen unsere Fahrräder und fuhren in einen Nachbarort. Dort gab es eine Bar und einen verständnisvollen, verschwiegenen Wirt. Wir tranken "Gin Fiz" und "Puschkin" mit der roten Kirsche und hatten das Gefühl in die große weite Welt einzutauchen. Das ging lange gut und wir genossen diese Abende, führten hochtrabende Gespräche zu hochtrabenden Themen. Wir diskutierten über Karl Marx, John Steinbeck, H.C.Artman und andere. Wir glaubten zur geistigen Elite dieser Welt zu gehören. Instinktiv wollten wir aber etwas anderes. Das wurde mir auf einmal klar, als der Wirt uns an einem Wochenende eröffnete, dass im Nachbarort Kirtag gefeiert wird, mit Musik und Tanz. Wir wollten es uns kaum eingestehen, aber es war die Sehnsucht nach weiblichen Wesen, die uns dorthin trieb. So fuhren wir mit unseren Rädern los. Wir tranken am Kirtag Wein, kamen mit Mädchen ins Gespräch und waren auf unerklärliche Weise im siebten Himmel.

Dann war es wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Leibhaftig und in voller Größe stand da plötzlich unser Schuldirektor vor uns. Er war auch unser Griechischprofessor, ein stattlicher Mann und als Lehrer sehr beliebt. Er war mindestens so überrascht wie wir. Auf seine Frage, was wir in der Nacht hier noch täten, stammelten wir etwas von Radausflug, vom Weg abgekommen, verirrt, die Zeit übersehen usw.

Er hörte sich alles geduldig an. Darauf lud er uns in sein Auto und brachte uns zurück ins Heim. Zur Klärung mußten wir noch zu ihm in die Direktion kommen. Mit schlechtem Gewissen und auf das Schlimmste gefasst standen wir da. Er bat uns Platz zu nehmen und legte los: "Erstens, lügt mich nicht mehr an und vorallem nicht so primitiv. Zweitens, ihr habt sicher Hunger. Ich habe eine gebratene Ente geschenkt bekommen. Bedient euch".

Was dann folgte war eines der einprägsamsten Gespräche und ein unvergessliches Erlebnis verständnisvoller Pädagogik. Ich habe an diesem Abend Unschätzbares für mein Leben gelernt.

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