Was ist eine Prozession

Nachdem unser Herr Pfarrer, den alle sehr schätzten und mit dem ich mich glänzend verstand, in Pension gegangen war, kam vorübergehend ein alter Priester, ein ehrwürdiger Kanonikus, in unser Dorf in Salzburg. Er war schon 80 Jahre alt, eroberte aber bald als geselliger, stimmgewaltiger Burgenländer die Herzen der Menschen. Da wir beide aus dem Burgenland kommen, schlossen wir sofort Freundschaft. So war es nicht verwunderlich, dass seiner Einladung zu einer Wallfahrt nach Mariazell viele Folge leisteten, auch ich. Noch dazu, weil anschließend ein Besuch des Burgenlandes mit Übernachtung vorgesehen war.

In Mariazell trafen wir auf die große Pilgergruppe aus dem Heimatort des Kanonikus. Einem alten Brauch zu folge, zogen wir als Prozession in die Basilika ein und sangen dabei die alten Wallfahrtslieder, einige auch in kroatischer Sprache. Das hat mir als Kind schon immer sehr gefallen. Nach einem beeindruckenden Gottesdienst zogen wir wieder singend aus der Kirche heraus. Diese Prozessionen in und aus der Wallfahrtskirche werden mir immer in Erinnerung bleiben.

Das Abendessen war in einem "Heurigen" (Buschenschank) in der Heimat des Kanonikus. Er trieb uns zur Eile an, damit wir bei der großen Prozession am Abend rechtzeitig dabei sind. Ich hatte keine große Lust mehr und wollte lieber beim Heurigen sitzen bleiben, Wein trinken und singen. Es war mir schon zuviel "Kirche". Um den Kanonikus davon in Kenntnis zu setzen, ohne ihm direkt die Verweigerung ins Gesicht zu sagen, fiel mir spontan eine für mich listige Ausrede ein. Ganz laut, damit auch der Kanonikus es am Nachbartisch hört, rief ich die hübsche Kellnerin, die längst wusste, dass ich gern sitzenbleiben will und sagte:"Ich habe eine Frage. Ist es wahr, dass in diesem Ort Touristen nicht öfter als zweimal an einer Prozession teilnehmen dürfen?" Sie blickte mich zunächst erstaunt an, schaltete aber schnell, als ich ihr zuzwinkerte und sagte:"Ja, das stimmt. Nur zwei Prozessionen pro Tag sind erlaubt." Triumphierend sah ich den Kanonikus an und sagte:"Ich habe heute schon an zwei Prozessionen teilgenommen. Also muss ich hier beim Heurigen sitzen bleiben. Tut mir leid."

"Nichts da" polterte der Kanonikus "das in Mariazell war ein Einzug und ein Auszug, aber keine Prozession. Du gehst schön brav mit."

Ich ging mit und habe es nicht bereut. Es war wie in meiner Kindheit: der ganze Ort war auf den Beinen, die Strassen gesäumt von Alten, Jungen und Kindern, als wir singend und mit brennenden Kerzen durch den Ort in die Kirche zogen.

Weintrinken kann ich oft, aber an einer kroatischen Wallfahrt teilnehmen dürfen ist leider viel zu selten.

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