Betrug

Er kam wieder einmal nicht nach Hause. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass er abends öfters mit Kollegen unterwegs war und irgendwann betrunken heimkam. Meine Entschuldigung war, dass ein Mann seine Freiheit braucht. Ich hatte große Ängste, da er betrunken Auto fuhr. Einmal schon wurde ihm der Führerschein entzogen und ich borgte ihm Geld für die Strafe.

Diesmal wartete ich die ganze Nacht. Ich versuchte ihn zu erreichen, vergeblich. Als er auch am Morgen nicht nach Hause kam, rief ich in den Krankenhäusern an. Niemand wurde eingeliefert, auf den seine Beschreibung hätte passen können. Als nächstes versuchte ich es an seinem Arbeitsplatz. Die Antwort der Telefonistin war: „Herr H. arbeitet seit drei Monaten nicht mehr bei uns“.

Mir wurde schwindlig. Drei Monate? Er ging doch jeden Morgen zur gleichen Zeit zur Arbeit, kam am Abend heim, berichtete mir von Kollegen und seiner Tätigkeit. Warum hatte er mir nichts erzählt? Plötzlich läutete es an der Wohnungstür. Ich öffnete, doch er war es nicht. Ein freundlicher, aber bestimmter Mann erklärte mir, er sei vom E-Werk und müsse jetzt den Strom abschalten. Die Rechnungen wurden seit einem halben Jahr nicht bezahlt, die Mahnungen ignoriert. Herr H. sei darüber informiert worden. Ich wußte nichts davon. Kam er deshalb nicht nach Hause? Ich rannte zu Bank, holte Geld und konnte die hohe Rechnung gerade noch rechtzeitig begleichen. Der Strom blieb eingeschaltet.

Dann fuhr ich durch die Stadt, versuchte sein Auto zu finden und sah es nach einiger Zeit mit abgerissenem Seitenspiegel und einigen Dellen vor einem Café stehen. Er saß an der Bar, völlig betrunken. Mit großer Mühe konnte ich ihn nach Hause bringen. Er erklärte nur kurz, dass er bei seinem besten Freund gewesen sei und auf der Rückfahrt einen Unfall gehabt habe. An ein weiteres Gespräch war nicht zu denken. Er schlief seinen Rausch aus.

Ab dann sprach er überhaupt nicht mehr mit mir. Durch Zufall hörte ich einige Tage später ein Gespräch mit seinem Anwalt mit. Ich erfuhr, dass er hohe Schulden hatte, viel mehr als man in drei Monaten Arbeitslosigkeit anhäufen konnte. Im Nachhinein fielen mir dann einige Kleinigkeiten auf: seine Kreditkarte, die nicht funktionierte, die vielen Kontoauszüge, die ungeöffnet blieben, den lang geplanten Schiurlaub mit seinen alten Freunden, den er absagte und die Geldstrafe, die er mir nicht zurückzahlen konnte. Ich erfuhr nichts von ihm, weder wie er in diese Situation gekommen war, noch was er jetzt tun wolle. Er zuckte bloß mit den Schultern. So ging das noch viele Tage.

Er hatte mir monatelang Lügen aufgetischt, hatte sich mir niemals anvertraut, verleugnete sein Alkoholproblem und war nicht bereit, Einsicht oder Reue zu zeigen. Mit so einem Menschen konnte und wollte ich nicht mehr leben. Mein Vertrauen war zerstört. Außerdem wollte ich meinen Sohn, dessen Vater verstorben war, nicht in solche Geschichten mit hineinziehen. Letztendlich verließ ich ihn und habe es nie bereut.

© Maiduna