Das Geschenk

Von weitem schon hörten wir die hellen Klänge. Fröhliche Melodien schallten über die Köpfe der vielen Menschen, die sich in einer Londoner U-Bahn Station drängten. Als wir näher kamen, sahen wir einen kleinen alten Mann auf einer winzigen Messingflöte spielen. Wir blieben stehen und hörten ihm lange zu. Dann erzählte er uns, das dies eine Tin Whistle sei, die in der irischen Volksmusik verwendet werde. Sie sei aus einfachem Blech gerollt und werde auch Penny Whistle genannt, weil sie nur ein paar Pennies koste. Ich erinnerte mich, dass ich in der Volksschule ein Jahr lang Blockflöte gespielt hatte und erwähnte es meinem Mann gegenüber.

Bald darauf war mein Geburtstag. Ich bekam ein kleines Päckchen in dem eine Tin Whistle mit einem winzigen Notenheft lag. Im ersten Moment war ich enttäuscht. Als ich das kleine Ding aus seiner Plastikverpackung nahm, hatte ich gemischte Gefühle. Aber dann freute ich mich, da die Aussicht bestand, mit meinem Mann gemeinsam zu musizieren, was ja wahrscheinlich der Hintergrund seines Geschenks war.

Ich begann gleich zu spielen und besorgte mir noch zusätzlich ein großes Notenheft mit über 100 irischen Melodien inklusive zwei CDs. Mühsam waren die Anfänge. Meine Finger waren über die Jahre hinweg schon etwas steif geworden, aber ich hielt durch. Wie stolz war ich, einfache Melodien spielen zu können. Dann entdeckte ich auf YouTube wirkliche Könner und Meister ihres Faches, die derart virtuos spielen, dass man ihren Fingern mit den Augen kaum folgen kann. Ob ich das jemals erreichen werde? Meistens war ich ja voll Zuversicht, aber nach ein paar Monaten verließ mich der Mut und meine Motivation erreichte einen Tiefpunkt.

Und dann geschah ein Unglück. Ich schnitt mir beim Brotschneiden die Beugesehne des linken Mittelfingers durch, mußte operiert werden und drei Monate lang eine Schiene tragen. Die Ärzte meinten, es sei nicht sicher, ob der Finger jemals wieder voll funktionstüchtig werden würde. Die Flöte, was sollte aus meiner Flöte werden? Jetzt, da ich nicht spielen konnte, wollte ich es unbedingt!

Nachdem die Schiene abgenommen wurde, trainierte und massierte ich den verletzten Finger mit einer Konsequenz wie noch selten in meinem Leben. Und ich erreichte mein Ziel. Der Finger wurde annährend so, wie er einmal war. Auch habe ich mittlerweile eine hervorragende Flötenlehrerin gefunden, ohne die es gar nicht möglich gewesen wäre, das Instrument richtig zu verstehen. Und so spiele ich fast jeden Tag ein, zwei Stunden und habe viel Freude, immer mehr, je besser ich vorankomme.

Am meisten genieße ich aber die Zeit, wenn mein Mann und ich gemeinsam musizieren. Gitarre und Flöte klingen zusammen ganz wunderbar. Aus dem anfänglich etwas ungeliebten Geschenk wurde das Beste, das ich jemals bekommen habe. Es gab mir die Freude am Musikmachen zurück, motivierte mich, meinen Finger zu trainieren und schenkt mir schöne gemeinsame Stunden mit meinem Mann.

© Maiduna