Eine schreckliche Gabe

Es sollte eigentlich ein entspannter, fröhlicher Abend werden.

Ich lebte damals mit meinem Freund in einem kleinen Fremdenverkehrsort in der Steiermark. Eines abends gingen wir ins örtliche Tanzcafe. Dort wurden Schlager und Evergreens gespielt, nicht ganz meine Musik, aber zum Tanzen, Plaudern und Lachen passte es. Das Lokal war gut besucht. An den Tischen saßen viele Urlauber, Familien mit ihren Kindern, denn es waren Ferien. Die Stimmung war ausgelassen und die Kleinen am Nebentisch hatten viel Spaß. Auch wir unterhielten uns gut und tanzten viel.

Mein Freund hatte bereits ein paar Bierchen gekippt, meiner Meinung nach zu viele. Er schwieg schon eine Zeit lang und beobachtete das kleine, dunkelhaarige Mädchen, das mit seinen Eltern am Nebentisch saß und fröhlich spielte. Auf einmal sagte er ganz ruhig: „Das Kind wird bald sterben, es ist todkrank“. Ich schaute ihn entsetzt an, warf ihm vor, dass er betrunken sei und doch bitte nicht so schreckliche Dinge sagen solle. „Ich weiß es einfach. SIE haben mir diese schreckliche Gabe gegeben.“ - „SIE, was meinst du mir SIE? Du hast zuviel getrunken!“

Er konnte oder wollte mir nicht erklären, wer SIE sind, aber er versuchte mir zu beweisen, dass er solche Fähigkeiten hatte. „In fünf Minuten läutet hinter der Bar das Telefon. Der Wirt hebt ab und holt einen Gast zum Apparat“. Jetzt lachte ich ihn aus, war aber doch etwas nervös und gespannt, was passieren würde. Die Zeit kam mir lang vor. Aber dann läutete des Telefon. Mein Herz begann zu klopfen. Der Wirt hob ab, sprach kurz, legte den Hörer zur Seite, ging zu einem der Tische und holte einen Gast zum Telefon. Mir wurde eiskalt, mein Herz raste und ich wollte nur noch nach Hause.

Auf dem Heimweg fragte ich meinen Freund immer wieder, wen er mit SIE gemeint habe. Er gab keine Antwort. Dann verdächtigte ich ihn, die Sache mit dem Anruf mit dem Wirt abgesprochen zu haben, mit ihm unter einer Decke zu stecken, um mir einen Streich zu spielen. Er bestritt dies heftig und wollte mir noch einen Beweis geben.

In einigem Abstand vor uns ging ein Mann. Er schwankte leicht und war wahrscheinlich auch etwas betrunken. Mein Freund meinte: „Pass auf, er wird gleich springen.“ Jetzt kam mir das Ganze schon lächerlich vor. Doch plötzlich machte der Mann einen kleinen, ganz unmotivierten Bocksprung und wankte weiter.

Mein Freund war sehr ernst und auch sehr traurig. Er erklärte mir, dass er diese Gabe nicht mehr haben wolle, denn er sehe nur selten gute Dinge, viel mehr Leid und Schmerz. Er wolle sie IHNEN zurückgeben und nicht mehr daran denken oder darüber sprechen. Obwohl ich sehr aufgeregt und neugierig war, hielt ich mich daran und es war kein Thema mehr zwischen uns. Er hat mir nie wieder etwas ähnliches erzählt und so weiß ich nicht, ob er davon befreit wurde oder nur nicht mehr darüber sprach.

Ich frage mich noch manchmal, wer oder was SIE sind, und denke an das kleine Mädchen.

© Maiduna