El Condor Pasa

Vor ein paar Monaten hatte ich das große Glück einen Schamanen kennenzulernen. Mein Leben verlief zwar in glücklichen Bahnen, doch alte Traumen ließen mich nicht los. Ich war traurig und kam nicht zur Ruhe. Der Schamane konnte mich durch seine Rituale von einigen Altlasten befreien.

Ich wollte mehr über den Schamanismus erfahren und so besuchte ich ein Seminar bei ihm. Er gab uns eine Einführung in das schamanische Denken und lehrte uns eine Technik, um in die untere Welt zu reisen. Wir legten uns nach einem Räucherritual auf den Boden. Dann schlug er eine Trommel in gleichmäßigem Rhythmus. Dadurch kamen wir in einen tranceähnlichen Zustand.

Um abwärts zu steigen, sollten wir durch eine Höhle gehen. Es würde dann wieder heller werden, bis wir auf eine Wiese kämen. Dort sollten wir uns umsehen, die Pflanzen betrachten, die Gegend erkunden. Wir würden Tiere sehen, aber ohne Kontakt aufzunehmen. Wenn die Trommel den Rhythmus ändere, sollten wir auf gleichem Weg zurückkehren.

Jeder von uns erlebte die Reise auf eigene Art, sah unterschiedliche Landschaften, Pflanzen und Tiere. Bei der nächsten Reise wählten wir einen Partner und begaben uns für ihn auf die Suche nach seinem Krafttier. Wir baten das Tier mitzukommen und übergaben es symbolisch unserem Partner. Mein Krafttier wurde der Kondor, den ich nach schamanischer Tradition nun bei meinen Reisen befragen und um Hilfe bitten kann.

Am Abend kam ich zufrieden aber ziemlich erschöpft nach Hause. Ich legte mich aufs Bett und fiel in eine Art Dämmerschlaf. Leise hörte ich wieder die Trommel und sah den Höhleneingang. Wie selbstverständlich ging ich hinein und stieg immer tiefer. Bald sah ich das Licht und erreichte die Wiese. Ich spazierte eine zeitlang umher, legte mich hin, genoß den Duft und die Farben der Blumen, spürte den Wind und die Strahlen der Sonne.

Von weitem schon sah ich den Kondor heranfliegen. Er setzte sich neben mich. Freundlich umhüllte er mich mit seinen großen Flügeln, als ob er mich beschützen wollte. Ich empfand Wärme, Geborgenheit und Sicherheit.

Plötzlich begann er mit seinem riesigen Schnabel meinen Bauch zu zerfetzen. Doch ich empfand keinen Schmerz, keinen Ekel dabei, schaute nur verwundert zu. Er zerrte und zog braune Klumpen aus mir heraus, und fraß sie auf. Das wiederholte er mehrmals. Ich fühlte mich zunehmend besser, erleichtert und unbeschwert. Schließlich wandte er sich von mir ab und erbrach sich. Gleichzeitig war mein Bauch wieder unversehrt und heil.

Tiefe Dankbarkeit erfüllte mich und ich verneigte mich vor dem großen Vogel. Dann kehrte ich durch die Höhle wieder in die reale Welt zurück, wachte erfrischt auf und spürte, dass eine große Last von mir genommen war.

Diese schamanische Reise hat vieles in meinem Leben bewirkt. Ich gewinne Abstand zu schlimmen Erlebnissen aus der Vergangenheit, fühle mich freier, gehe offener auf andere Menschen zu, habe Platz für neue Erfahrungen. Ich lerne und reise weiter, in dieser und in der anderen Welt.

© Maiduna