Schwere Zeit

Da bist du nun.

Der Test war positiv und du wächst in meinem Bauch. Noch nicht spürbar, aber ich weiß, dass du da bist, von mir lebst, von meiner Kraft, von meinem Blut. Ich liebe dich jetzt schon und doch fühle ich mich von dir ausgesaugt und empfinde etwas Fremdes in mir. Ich will dir alles geben, du nimmst aber nur, ohne zu fragen.

Den zukünftigen Großeltern möchte ich von dir erzählen, doch meine Eltern lehnen deinen Vater ab. Ich habe sie 10 Jahre lang nur alleine besucht. Verkrampfte Gespräche und Erleichterung, wenn ich wieder heimfahren konnte. Endlich rufe ich sie an, eine kühle Zurkenntnisnahme der Situation. Hast du dir gut überlegt, was du tust, ein Kind von einem herzkranken Mann zu bekommen? Ich bekomme Wehen und Blutungen, muß für 2 Wochen ins Krankenhaus.

Eine schöne Welt möchte ich dir bieten, doch gleichzeitig tobt der Golfkrieg und ich sitze voll Angst vor dem Fernseher. In so eine Welt möchte ich dich nicht bringen. Wehen, Bettruhe, Krankenhaus. Ich habe Angst dich zu verlieren, ich habe Angst dich zu behalten.

Etwas später der Jugoslawienkrieg. Nein, kein Kind! Die Gefahr rückt immer näher. Südlich von Graz hört man die Schüsse. Doch du wächst weiter. Ich sehe meinen dicken Bauch, spüre dich. Wieder Wehen, Bettruhe, Krankenhaus. Ich habe Angst dich zu verlieren, ich habe Angst dich zu behalten.

Dein Vater liebt dich jetzt schon abgöttisch, seine Herzerkrankung tritt für ihn in den Hintergrund, er ist voll Freude und Zuversicht. Doch eines Morgens, taube Gesichtshälfte, die linke Hand gehorcht nicht – Schlaganfall. Meine Angst wird immer größer. Er erholt sich, aber die Gefahr eines neuerlichen Insults bleibt. Ein Kind vielleicht ohne Vater großziehen, kann ich das, will ich das? Du strampelst schon in mir, aber ich bekomme wieder Wehen, viel zu früh, als dass du ohne Schäden überleben könntest. Bettruhe, Krankenhaus, Dauerinfusionen. Ich bin verzweifelt, ich liebe dich, ich will dich aber nicht unter diesen Umständen.

Trotzdem kämpfe ich um dich, liege in der Klinik, weit weg von daheim, bekomme kaum Besuch, darf nicht aus dem Bett, habe Herzrasen von den Medikamenten, meine Arme sind zerstochen von den Infusionsnadeln. Immer wieder habe ich Wehen, die mit einer höheren Dosis Wehenhemmer bekämpft werden. Gleichzeitig wächst aber auch meine Zuversicht: Ich werde es schaffen, werde eine gute Mutter sein.

Endlich, nach zwei Monaten bist du groß genug, dass du auf die Welt kommen kannst. Ich darf das Bett verlassen, schwach, nur zu ein paar Schritten fähig. Jetzt bleibst du bei mir, es gibt keine Alternative mehr. Endlich wird meine Freude auf dich immer größer.

Kaum drei Tage zu Hause, setzen die Wehen ein. Doch jetzt läßt du dir Zeit, Stunden um Stunden, ein Kaiserschnitt wird angedacht. Kind, warum quälst du mich so? Endlich, Presswehen. Du kommst leicht auf diese Welt. Du bist sehr klein, noch immer einen Monat zu früh, aber gesund, wunderschön und perfekt.

Ich liebe dich und ich habe Angst ...

© Maiduna