Seifenblasen

Der Postbote blickt mich erstaunt an als ich ihm die Türe öffne. Er hat mit Sicherheit schon einiges in seinem Leben gesehen, aber eine Frau, die ihm mit Operationshandschuhen, einem Kochlöffel in der Hand und einer großen Labor-Schutzbrille auf der Nase gegenübersteht, war wahrscheinlich noch nicht dabei. Er fragt mich lachend, was es heute bei mir zu Essen gibt - kein Essen, ich siede Seife.

Meine große Leidenschaft, das Herstellen von Seifen, habe ich vor ein paar Jahren durch Zufall im weltweiten Netz entdeckt. Es gibt wohl nichts mehr, das man hier nicht findet. Zuerst habe ich mich in die Materie eingelesen und dabei ein informatives Forum entdeckt, das ausschließlich dem Seifensieden gewidmet ist. Ich hatte keinerlei Berührungsängste mit hochkonzentrierter Natronlauge zu arbeiten. Auch die Präzision beim Abwiegen der Zutaten war kein Problem für mich. Als Biomedizinische Analytikerin ist der Umgang mit gefährlichen Substanzen mein tägliches Brot und Genauigkeit eine Grundvoraussetzung.

Schon bald durfte meine erste Seife mit in die Dusche, aus gutem Olivenöl, Schweinefett und Kokosöl. Naja, sie war nichts besonderes, die Optik ließ noch zu wünschen übrig und sie war ohne Duft. Aber ich war begeistert. Meine empfindliche Haut, im Winter trocken und schuppig, wurde wunderbar weich. Kein Jucken war mehr zu spüren. Seither brauche ich mich nicht mehr einzucremen. Auch meine Haare werden mit Seife gewaschen, fetten nicht mehr nach und die Spitzen sind nicht ausgelaugt. Inzwischen gibt es für mich nur noch Seife, kein Shampoo und kein Duschgel mehr. So spare ich auch eine Menge an Plastikflaschen.

Es macht mir große Freude neue Rezepturen auszutüfteln. Ich experimentiere mit wertvollen Ölen, wie Argan- oder Schwarzkümmelöl. Zusätze wie Milch und Seide, Salz und Tonerden, Weihrauch und Lärchenharz werden ausprobiert. Honig und Kastanien ergeben einen wunderbar schmusigen Schaum. Ich stelle Ölauszüge von diversen Kräutern und Gewürzen her sowie Mischungen aus verschiedenen ätherischen Ölen, zum einen wegen ihrer Wirkung, zum anderen um die Seifen gut duften zu lassen. Orientalische Gerüche wie Weihrauch, Patchouli, Sandelholz und YlangYlang ziehen durch meine Küche. O-Ton des Vaters meiner Freundin: „Hier riecht es wie in einem siebenstöckigen Puff mit ausgebauten Mansarden“. (Woher er das bloß weiß?) Auch Farben kommen mit ins Spiel, einerseits allein schon durch die Wahl der Öle und Kräuterauszüge, andererseits auch durch diverse Tonerden oder Pigmente, die für Kosmetik gut geeignet sind.

Ich plane spezielle Rezepte, für reife Haut, für fettige Haut, mache verschiedene Haarseifen für unterschiedliche Haar- und Kopfhauttypen. Familie und Freunde werden mit eigens für sie zusammengestellten Seifen beschenkt. Fast jeder ist begeistert. Nur mein Sohn ist skeptisch wenn er mich wieder einmal in der Küche sieht: „Gibt es heute etwas Gutes zu Essen oder machst du wieder nur Seife?“

© Maiduna