Sommer

Wie jedes Jahr fahre ich mit meinen Eltern den Sommer über auf einen Bauernhof. Nach langer Zugfahrt kommen wir an. Mein erster Weg geht in den Stall, zu den Kühen und dem Schwein. Das alte Huhn ist handzahm, springt auf den Schoß und läßt sich streicheln wie ein Hund.

Es sind auch andere Kinder dort: die Bauerntochter Helena, die etwas älter ist und die jüngere Birgit, deren Eltern ebenso am Hof Urlaub machen. Wir drei spielen, streiten und sind wie Geschwister.

Der Bauer Onkel Hermann nimmt uns mit aufs Feld und hat eine Engelsgeduld mit uns. Wir Mädchen thronen auf seinem Traktor, helfen beim Heuen und dürfen dann auf dem vollbeladenen Anhänger wieder mit nach Hause fahren.

Später geht es mit dem klapprigen Auto in den Ort, um die Milch zur Sammelstelle zu bringen. Die Rücksitze werden ausgebaut, die Kannen hineingestellt und wir hocken uns dazu. Weil wir so brav waren, bekommt jede von uns ein Eis.

Im nahegelegenen See gehen wir baden. Er riecht leicht schwefelig, das Moor fühlt sich gut zwischen den Zehen an. Am Abend spielen wir Federball und versuchen den Ball möglichst lang in der Luft zu halten.

Am Hof mitzuhelfen, das macht uns Stadtpflanzen besonders Spaß. Birgit schaufelt die Sägespäne, die als Einstreu dienen, durch eine Luke in den Stall. Ich stehe direkt darunter und werde paniert wie ein Schnitzel – und meine Mutter zupft tagelang mit der Pinzette die vielen Späne aus meinem Walkjanker.

Beim Ausmisten das nächste Mißgeschick: die Scheibtruhe ist zu schwer, das Brett, das auf den Misthaufen führt zu schmal, die Schubkarre kippt und ich falle in voller Länge in den Kuhmist. Zum Glück lande ich sehr weich.

Wir klettern auf den Heuboden, obwohl wir das gar nicht dürfen. Aber wir suchen die Katzenbabies, die dort laut miauen. Birgit passt nicht auf wo sie hinsteigt, ein Schrei und sie verschwindet. Sie landet direkt im Futtertrog des riesigen Stiers. Zum Glück tut er ihr nichts, Onkel Hermann lacht nur und sagt nichts unseren Eltern.

Ausflüge machen wir im VW-Käfer der anderen Gastfamilie: der Vater fährt, die Mutter sitzt daneben, Birgit zu ihren Füßen, meine Eltern zwängen sich mit Birgits erwachsener Schwester auf die Rückbank, Helena und ich quetschen uns in die Hutablage, alle gemeinsam singen wir „Eisgekühltes Coca-Cola“.

Wir nähen Kleidchen für unsere Puppen, bauen Zelte, in denen wir tagelag bei Regenwetter sitzen, gehen Schwammerl suchen, fahren mit dem Rad, spielen Verstecken. Wir verkleiden uns: Helena ist die Königin, Birgit die Prinzessin und ich die Hexe, mit Buckel und Warze.

Es waren die schönsten Stunden meiner Kindheit. Ich habe jetzt noch den Geruch des Heus und der frisch gemolkenen Milch in der Nase und höre den Ruf der Bäuerin, wie sie die Kühe von der Weide in den Stall treibt: „Eidoooh, Eidooh, Kiahla kommts!“

© Maiduna