Im Zeichen des Feuers

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Im Zeichen des Feuers | story.one

Die Notre Dame de Paris brennt. Frankreich brennt. Es brennt.

Die Welt ist bestürzt über den Brand der Kathedrale „unsere liebe Frau in Paris“. In früheren Zeiten, als die Menschen noch abergläubischer waren, hätte man diesen Brand als ein Omen gedeutet, ein Zeichen für eine Veränderung, kein gutes Zeichen.

Im digitalen Zeitalter, stehen die Menschen am Seine-Ufer mit ihren Smartphones, filmen die Katastrophe und im Netz geteilt mit der Nachricht „Ich war dabei“. Live-Streaming nennt man das, oder ? Sollten die Menschen nicht beten in Anbetracht des Unglücks?

Ein Omen, ein Zeichen für Respektlosigkeit, kein gutes Zeichen.

Dann gibt es auch noch Spaßvögel, die das Theater um die Kirche für übertrieben halten. Es könnte ja sein, dass Quasimodo den Brand legte um sich und seine Esmeralda aus den kalten Mauern der Gruft von Montfaucon zu erlösen. Ob diese Spaßvögel Victor Hugo jemals gelesen haben, die tragische Geschichte kennen, sei dahin gestellt.

Ein Omen, ein Zeichen für Ignoranz, kein gutes Zeichen.

Die Medien mutmaßen in gewohnter Weise. War es ein Unfall oder wurde der Brand gelegt? Die Ermittler werden es herausfinden, oder auch nicht. Denn selbst wenn, so heißt das noch lange nicht, dass es die Öffentlichkeit erfahren wird. Kommt auf das Ergebnis an! In Frankreich lodern schon seit Monaten die Flammen der „Gilets jaunes“, die von Politik und Medien kriminalisierte Protestbewegung. Einen Protest mit Gewalt niederzuschlagen wäre politisch unklug, wenig populär, dafür gibt es andere Mittel und Wege, schlechte Schwingungen umzuleiten auf die, die zu Beginn nur ein Zeichen des Protests setzen wollten.

Ein Omen, ein Zeichen für Manipulation, kein gutes Zeichen.

Oft besuchte ich in meiner Pariser Zeit, Mitte der 80er Jahre die Kathedrale. Wenn der Touristenstrom zu heftig wurde, gab es schräg gegenüber am Quai de Montebello die Bar „Le Notre Dame“ mit Blick auf die Kathedrale. Hier am Place du Petit Pont saß ich stundenlang bei einem Kaffee und einem Glas Wasser. Knappes Budget.

Lesen – Bücher, die uns Madame Kieffer im Literaturkurs vorgab

Schreiben – Briefe an die Familie, die Freunde in der Heimat

Schauen – Menschen am Platz beobachten

Sprechen – mit Menschen, die man nicht kennt, ganz unverbindlich, fröhlich.

Rechnen – geht noch ein Kaffee?

Ich mochte diesen Platz, bei schönem wie bei schlechtem Wetter, im Schutz unserer lieben Frau von Paris. Nun wird sie Schutz und Hilfe brauchen, mehr als geplant. Sie sollte eine umfangreiche Sanierung erfahren von 2019 bis 2022, da ihr Zustand einer sehr alten gebrechlichen Dame entsprach. Über viele Jahrhunderte hinweg war sie den Menschen Glaube, Zuflucht, Schönheit und nicht zuletzt ein Touristenmagnet.

Aus Sanierung wird Wiederaufbau, aus Beständigkeit entsteht Neues.

Ein Omen, ein Zeichen der Zeit, hoffentlich ein gutes Zeichen. Ich glaube daran.

© MaLu 16.04.2019