Eine Freundin - Jahrgang 1924

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Sie ist Jahrgang 1924. als Mädchen und junge Frau hat sie den Krieg und die Zeit danach in Österreich erlebt: Die Bombenangriffe, die Sorge um die Liebsten, die Besatzung und vor allem die bange Frage: "Wie wird es weitergehen?"

Nach dem Krieg ging es aufwärts: ein erfüllender Job, eine fixe Beziehung, eine Tochter, ein Häuschen im Grünen, ein Auto, Reisen...

Vor zwanzig Jahren ist ihr Mann gestorben und seit zehn Jahren lebt sie in einem Seniorenheim - ein freiwilliger Entschluss bei noch guter Gesundheit.

Jetzt macht sich das Alter bemerkbar: das Herz schlägt nicht mehr rhythmisch, die Luft bleibt manchmal aus und die Fortbewegung ist nur mehr mit Rollator möglich. Aber der Geist ist wach. Das Leben im Heim ist jetzt reduziert und beschränkt sich hauptsächlich auf das eigene Zimmer. Das Essen wird gebracht und es sind nur kurze Spaziergänge um das Haus erlaubt. Besuche sind verständlicherweise verboten- ein Corona Virus-Ausbruch im Heim wäre katastrophal für alle Bewohner.

Obwohl uns ein Altersunterschied von 28 Jahren trennt, sind wir seit gut 40 Jahren befreundet. Da ich sie weder besuchen noch ausführen kann, telefonieren wir öfters.

Sie sagt am Ende unseres Gespräches: „ Weißt du, die Bomben sind auch vorüber gegangen und so wird es jetzt auch sein. Damals durften wir auch nicht hinaus, weil wir nicht wussten, wann die Bomben kommen.“

Ich lege das Telefon aus der Hand und bin tief gerührt.

Da meine Frau und ich selbst zur Risikogruppe gehören, beachten wir die Vorgaben der Regierung. Aber es fällt schwer. Wir hatten bis vor einer Woche ein sehr intensives Leben: Wöchentliche Treffen mit unseren Enkelkindern, viele Begegnungen mit Freunden, zahlreiche Reisen, Sprachkurse, Theater und Kino, Lernpatenschaften, - all das muss jetzt ruhen. Mein Terminkalender kennt nur Absagen, aber keine Neueinträge mehr.

Aber trotzdem geht es uns besser als unserer Elterngeneration im Krieg und vielen anderen Menschen heute, Stichwort Idlib. Die Wohnung ist warm, sauberes Wasser kommt aus der Leitung, Radio, Fernsehapparat und Internet funktionieren und die Kommunikationsmöglichkeiten sind in den letzten Jahren enorm gewachsen.

Gestern hat meine jüngste Enkeltochter ihren siebenten Geburtstag gefeiert. Wir haben alle bei einer Whats-App-Videokonferenz „Happy Birthday“ gesungen – kein Ersatz für eine Umarmung, aber besser als gar nichts.

Es ist die Zeit der Besinnung auf das Wesentliche. Was ist mir wichtig? Was brauche ich wirklich?

In meinem Umfeld habe ich den Eindruck, dass die Kommunikation herzlicher und tiefer ist als vor der Krise.

Spaziergänge sind noch möglich und ich erlebe das Kommen des Frühlings so intensiv wie seit vielen Jahren nicht mehr.

In einem Jahr werden wir erleichtert zurückblicken, aber hoffentlich die Lehren dieser Zeit in unseren Herzen bewahren.

© Manfred Berger