Bschisterl - vom Wert des Wertlosen

„Du bist ein Messie!“, urteilt Sanni, Cousine im Status einer Schwester, brutal scharf: „Deine Wohnung mit all dem Kramuri ist keiner Partnerin zumutbar!“

Huch, das ist doch ungerecht. Wie kann man so gemein sein … So herabwürdigend, nur weil ich inmitten von Tausenden Juwelen lebe – und mich wohl fühle.

Hm: Was sagt das Lexikon dazu? „Der Begriff Messie-Syndrom (abgeleitet von englisch mess „Chaos, Durcheinander“) bezeichnet ein zwanghaftes Verhalten, bei dem das übermäßige Ansammeln von mehr oder weniger wertlosen Gegenständen in der eigenen Wohnung im Vordergrund steht, verbunden mit der Unfähigkeit, sich von den Gegenständen wieder zu trennen …“

Mehr oder weniger wertlose Gegenstände?!?

Was soll ich denn tun, wenn ALLES für mich Wert besitzt – vieles sogar großen Wert. – Das mir eine besondere Person schenkt oder das ich an einem besonderen Ort erworben/gefunden habe: Die Sokrates-Statuette, direkt von der Akropolis. Die Vulkan-Kerze aus La Palma. Der Plüschbär aus Arbesbach. Die letzte Flasche Rosé-Wein, die ich mit Mutter im Advent getrunken habe; die erste Sektbouteille mit C. am 17. 8. – Und die 117 Magneten auf der Kühlschranktüre – mit allen Urlaubszielen der letzten Jahrzehnte.

Gut, über jene Flasche, die mein Vater zu seinem 60. Geburtstag erhalten hatte, können wir eventuell zwecks Entsorgung reden; er starb mit 72, vor 11 Jahren …

Aber das bitte nicht: die leere Naturkosmetik-Dusch-Tube „Feel good shower“ mit würzigem Ingwer, Citronella und Bio-Sesamöl. Allein ihr Anblick löst das Versprechen „belebt die Sinne“ ein. Ich sehe jenes schöne Zauberwesen, das mir die Tube schenkte, nackt aus der Dusche steigend vor mir … und das virtuelle Dufterlebnis breitet sich sogleich wieder neu aus. – So etwas kann doch keiner wegwerfen, oder?!

Okay, C. meinte, sie werde erst wiederkommen, wenn alle „Bschisterln“ beseitigt sind. – Sie will mich wohl in diesem Leben nicht mehr wiedersehen.

Und wird´s auch nicht.

Denn ich stelle fest: Ich kann und will mich von den Herzens-Erinnerungsstücken nicht trennen. Ich hab‘ null Interesse, in einem sterilen Umfeld zu leben – das zwar bestens zum Staubwischen geeignet ist, nicht aber zum Sinnieren, Reflektieren, Träumen.

Und was soll ich denn bitte machen?! – Gerlinde, meine Haushaltsperle, hat mir soeben ein Alabaster-Kamel von ihrem Ägypten-Urlaub mitgebracht. Soll ich dieses gar aussetzen? Ins Tierheim bringen?

Nein, es wird einen Ehrenplatz erhalten. Gleich bei mir am Schreibtisch.

Jedes Geschenk ist so viel wert wie die Liebe, mit der es ausgesucht, gebastelt, besorgt wurde.

Ich bin begeistert, wenn mir wer was mitbringt – und die-/derjenige erobert damit prompt einen Logenplatz in meinem Herzen. Auch ich überreiche leidenschaftlich gerne Mitbringsel; bin unendlich traurig, wenn die/der Beschenkte dies als Ramsch abqualifiziert, verräumt – und wohl im nächsten Moment entsorgt.

Ich finde Bschisterln, Kramuri, Graumsch als echten Segen! Bitte mehr davon!!!

© Manfred Greisinger