Telefonseelsorge am Morgen

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Telefonseelsorge am Morgen | story.one

Lange habe ich darüber nachgedacht, diese Erfahrung zu teilen- ich denke, im dzt. Zeitgeist der Corona-Neuerfindung findet diese Begebenheit ihren Platz- auch wenn diese Geschichte eindeutig VOR Corona spielt.

Ein nicht näher benanntes einschneidendes Ereignis privater Natur hatte eine tiefe Krise in mir ausgelöst. Tagelang konnte ich nicht schlafen, von Essen gar nicht zu reden. Ich verlor Tag für Tag an Gewicht in einem Ausmaß, wie es mir in Erzählungen gar niemand glaubte- the biggest loser würde vor Neid erblassen. Gut, zumindest das wäre bei mir nicht schlimm, jedoch sollte dieser Effekt wenn dann schon von Dauer sein. Ich fürchtete mich jeden Tag vor dem Schlafengehen, denn ich fühlte mich müde, konnte jedoch nicht einmal die Entspannung aufbringen, die es braucht um einzuschlafen. Und hatte sich mein Körper dann mal für ein paar Stunden in den „Not-Aus-Modus“ verabschiedet, war das Aufwachen furchtbar: hat man normalerweise nach dem Erwachen aus einem Albtraum das Gefühl der großen Erleichterung, erlebte ich hier genau den gegenteiligen Effekt: ich hatte das Gefühl, aus einem tiefen Schlaf, den sich der Körper als Auszeit genommen hatte, in einen Albtraum „reinzuerwachen“. Nichts war mehr wie es sein sollte- ich zweifelte an allem und jedem in meinem Leben- an den engsten Vertrauten, meiner Familie, meinen Überzeugungen, Träumen und Wünschen- nichts konnte ich mehr als gut so wie es ist oder positiv annehmen. Ich hatte Gedanken in meinem Kopf, die nicht „meine“ waren- die ganz und gar nicht dem entsprachen, was ich als Mensch war und was mich immer ausgemacht hat. Und das Traurige daran war die Unsicherheit: wann hört das auf? Was passiert gerade mit mir? Wie kann ich das stoppen? Welche Verschlechterung bringt der nächste Tag mit sich? Das Leben stellte mich vor ein Rätsel, das in mir viel Verzweiflung auslöste, und Angst- so viel Angst. Angst über alles und jeden: Angst in der Ubahn, Angst beim Fernsehen, Angst vor Verlust und Krankheit- es gab kein Thema mehr, das nicht angstbehaftet war. Dieses Empfinden streckte sich über einige Tage, und nachdem ich in div. Anrufen meinen Freundeskreis bereits in Angst und Schrecken versetzt hatte, gab es für mich letzten Endes an einem Samstag morgen um 6 Uhr früh wirklich keine andere Wahl mehr: ich rief die Nummer einer Telefonseelsorge an.

Ich schilderte meine Situation, und dass ich nach einer weiteren schlaflosen Nacht nicht mehr wisse, was ich tun soll. Einen längeren Erklärmonolog beendete ich mit den Worten: „Ich hab einfach Angst.“ Worauf ich als Antwort erhielt: „Ich verstehe. Ja, ich kann nachvollziehen, dass es ihnen schlecht geht. Haben sie sonst noch Fragen?“ Eine Erkenntnis haben mir die Worte dieses „Seelsorgers“ tatsächlich gebracht: im Laufe eines Heilungsweges trifft man Menschen, die einem helfen, und andere die „Dienst nach Vorschrift“ machen. Die Macht, die beiden voneinander zu unterscheiden, liegt nur in einem selbst und bei niemandem sonst.

© Manuel Schirnhofer 05.04.2020