↝ Einschneidende Erlebnisse (L’ Aquila)

August 2017: Ich bin im Urlaub. Italien. Ich meine nicht das Italien, das jeder deutschsprachige Tourist kennt, sondern das ganz authentische Italien. Das Italien, in dem Fußgängerübergänge ebenso wie Rettungsfahrzeuge mit Blaulicht konsequent ignoriert werden. „Ein Notfall ist es erst, sobald auch die Sirene eingeschaltet wird“, erklärt mir meine italienische Freundin, während sie in aller Seelenruhe in der 50er Zone mit 40 vor dem Rettungswagen herschleicht. Ich bin Deutscher und werde nervös. Ich fordere sie auf, sofort an den Seitenrand zu fahren und Platz zu machen, es könne sich schließlich um Leben und Tod handeln. Sie bleibt hartnäckig. Aufgeregt schaue ich in den Beifahrerspiegel um einen Blick auf die Fahrer des Einsatzfahrzeugs zu erhaschen. Ich erwarte aufgeregte Gesichter und Handgesten, aber – nichts. Zwei Männer sitzen entspannt im Rettungswagen und tuckern hinter meiner Freundin her. „Manuel! Es ist Zeit loszulassen“, sage ich mir selbst und lasse mich auf die Situation ein. Die mir bekannten Regeln gelten hier nicht. Ein merkwürdiges Gefühl für einen Kontrollfreak wie mich, gleichzeitig aber auch befreiend.

Eliza zeigt mir die schönsten Strandabschnitte von Roseto degli Abruzzi. Hier spüre ich die gleiche Ruhe wie in geführten Hypnosen. Der Strand und die Umgebung gepaart mit dem warmen Sonnenlicht erscheinen auf einmal ganz genau so, wie in meiner Vorstellungskraft. Ich frage mich, was wohl zuerst war. Dieser Ort oder mein Gedanke an diesen Ort.

Aber auch in Italien ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Am nächsten Tag bringt mich Eliza an ihren ursprünglichen Heimatort. Die Universitätsstadt L’Aquila. Wir schlendern durch die Gassen und auf mich prasseln so viele Emotionen wie niemals zuvor ein. Traurigkeit, Entsetzen, Respekt, Mitgefühl, Anerkennung, Verbundenheit, Zuneigung, Neugierde sind nur einige davon. Psychosomatisch spüre ich eine Enge im Brustkorb und das Verlangen Tränen zu vergießen macht sich breit.

Wo ich auch hinschaue, ich sehe Baukräne, desolate Häuser und Schulen. Ich erfahre, dass hier über 300 Menschen ihr Leben lassen mussten. Völlig unvorbereitet und in der Nacht. Zehntausende waren monatelang obdachlos. Und auch heute, knapp 10 Jahre nach der Erdbeben-Naturkatastrophe, ist hier wohl nichts mehr, wie es mal war. Doch trotz oder gerade wegen der Tragödie, grüßt sich hier jeder und es liegt eine fühlbare Liebe in der Luft.

Jetzt, während ich mir dieses einschneidende Erlebnis wieder in Erinnerung rufe, wird mir die Endlichkeit des Lebens bewusst und wie schnell alles vorbei sein kann. Ein guter Zeitpunkt, um den Menschen „ich liebe dich“ zu sagen, die ich liebe.

© Manuel