Ich kann es

Radfahren ist in. Heutzutage immer mehr mit E-Bikes, Mountainbikes und Rennrädern, doch auch das gute alte Fahrrad hat noch nicht ausgedient.

Ende der Fünfzigerjahre bekam mein sechsjähriger Bruder ein dunkelrotes Kinderfahrrad. Es hatte noch keine Stützräder und war das erste in unserem Ort, also etwas ganz Besonderes. Er übte fleißig in unserem Hof und hatte es bald heraußen, wie er sein Gleichgewicht halten kann.

An einem schönen Sonntag Nachmittag machte unsere Familie einen Spaziergang durch den Ort und mein Bruder durfte sein Fahrrad mitnehmen. Damals hatte noch kaum jemand im Dorf ein Auto, die Ausfahrt schien also umgefährlich. Auf dem Rückweg bog mein Bruder rasch von der rechten Straßenseite nach links zu unserer Toreinfahrt ein. Genau in diesem Moment kam ein VW- Käfer daher. Gerade, dass mein Bruder noch rechtzeitig über die Straße kam. Das Auto blieb stehen, der Fahrer stieg aus und schlug meinen geschockten Bruder ins Gesicht. Dann fuhr er gleich weiter. Wir waren alle fix und fertig. Mein Bruder tat mir richtig leid.

Zum Glück vergessen Kinder schnell und tags darauf darauf fuhr mein Bruder schon wieder im Hof umher.

Bald darauf brachte er er mir, ich war fünf, Radfahren bei. ich stellte das Rad auf einen niedrigen Hügel im Hof, mein Bruder hielt es hinten, ich setzte mich darauf , er tauchte es an und ich trat in die Pedale und fuhr geradeaus. Das übten wir eine Zeitlang täglich, bis ich mich sicher fühlte.

Dann hatten wir eine neue Idee. Das Fahrrad an die Hauswand gestellt, ich setzte mich darauf, stieß mich von der Wand ab und fuhr los.

So hat mir mein Bruder Radfahren beigebracht. Ich bin ihm noch heute dankbar dafür.

© mara