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Das schönste Kompliment

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Das schönste Kompliment | story.one

In Bezug auf das Klavierspielen war ich schon immer ein wenig seltsam, muss ich zugeben (siehe auch meine Story "Mut zu Fehlern - Meine Reise am Klavier"). Es gibt kaum eine Sache auf dieser Welt, die ich leidenschaftlicher liebe. Und trotzdem hatte ich es mir angewöhnt, nur mit Kopfhörer zu spielen, damit ja keiner meine Fehler hören konnte.

In der vorigen Story habe ich geschrieben, dass ich durch meinen Freund Alex Schritt für Schritt den Mut zu Fehlern gefunden habe. Mittlerweile liebe ich es, kleine Konzerte vor Menschen zu geben und habe schon vor vielen Menschen gespielt - mit einer kleinen Ausnahme.

Aus irgendeinem Grund habe ich es im Waldviertel bisher nicht über das Herz gebracht, laut vor meinen Eltern zu spielen. Ich verstehe selbst nicht, was da los ist - meine Eltern sind nicht sehr musikalisch, sie würden die Fehler wahrscheinlich nicht mal hören. Und vor allem meine Mutter und meine Schwester haben mir auch schon mehrfach gesagt, wie gerne sie mich mal spielen hören würden. Aber irgendwie blockiert mein Gehirn total.

Dann, vor etwa einer Woche, kam meine Mutter herein, während ich gerade mit Kopfhörern Klavier übte.

"Was übst du denn da gerade?", fragte sie interessiert.

"Die Humoresque von Dvorsak", lautete meine Antwort. Dann kamen die Worte, die alles verändern sollten.

"Mir würde es so viel bedeuten, wenn du hin und wieder laut üben würdest," seufzte meine Mutter, "Das Klavier ist so ein schönes Instrument, dem ich so gerne zuhören würde."

Diese Worte sind irgendwie hängen geblieben. Am nächsten Tage wollte ich gerade die Kopfhörer einstecken, da zögerte ich. Die Bitte meiner Mutter kreiste mir im Kopf. Spontan beschloss ich, ihr den Wunsch zu erfüllen. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, setzte ich mich ans Klavier und begann einfach zu spielen, das Rondo alla turca von Mozart, ein Stück, das ich schon konnte, zum Einstieg.

Sofort machte ich vor Nervosität einige Fehler, die ich sonst wahrscheinlich nicht gemacht hätte. Ich biss die Zähne zusammen und machte weiter - tatsächlich, nach einigen Takten wurde es besser.

Mittlerweile begann es mir richtig Spaß zu machen! Ich hörte, wie meine Mutter in die benachbarte Küche kam. Prompt wieder verspielt! Egal! Einfach weitermachen!

Nach etwa einer Stunde hörte ich auf zu spielen und ging in die Küche, um etwas zu trinken. Meine Mutter strahlte mich an und bedankte sich. Dann sagte sie Worte, die ich nie wieder in meinem Leben vergessen werde.

"Wow, ich hatte ja keine Ahnung, dass du schon so gut bist. Das klingt ja richtig professionell. Ich muss ehrlich sagen, ich bin grad total stolz auf dich, immerhin hast du dir das ja auch fast komplett selbst beigebracht. Ich fände es total schön, wenn du ab jetzt öfter laut spielen könntest, ich würde immer wieder mal gern mit einem Ohr zuhören."

Ich grinste wie ein Honigkuchenpferd. Der Mut hatte sich voll und ganz ausgezahlt!

Und ab diesem Tag habe ich dann endlich auch im Waldviertel laut geübt.

© Marcela 03.05.2020

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