Die Helicopter - Mutter

  • 593
Die Helicopter - Mutter | story.one

Derzeit mache ich für mein Psychologie - Studium ein Praktikum in einer klinisch-psychologischen Praxis, die Diagnostik mit Schwerpunkt auf Kinder und Jugendliche anbietet. Ich bin jetzt schon seit beinahe drei Monaten dort. Eines Tages kam ein 5-jähriges Mädchen namens Sophie, das auf eventuelle Entwicklungsverzögerungen getestet werden sollte. Keine Herausforderung, dafür würde ich einen dafür vorgegeben Test mit dem Kind machen, hatte ich schon zig male davor gemacht.

Nur mit der Mutter von Sophie hatte ich nicht gerechnet. Kaum war sie im Vorraum, schaute sie mich schon abschätzend an. Höflich grüßte ich sie und reichte ihr die Hände, doch sie reagierte kaum. "Wo ist denn deine Chefin?", fragte sie, kaum, dass ihre Tochter die Jacke ausgezogen hatte. "Mag. Wagner ist nicht hier, heute werde ich die Diagnostik durchführen.", antwortete ich möglichst selbstsicher, obwohl mich ihre kühle Art stark verunsicherte. Wie ich das meinte, fragte die Mutter, das nehme sie nicht an, inakzeptabel! Sie möchte nur bei Mag. Wagner selbst die Diagnostik machen.

In all dieser Zeit hatte Sophie noch kein einziges Wort gesagt, sondern klammerte sich nur an ihre Mama und sah mich mit großen Augen an. Prüfend sah ich auf die Uhr. Von den 60 Minuten, die für diese Diagnostik eingeplant waren, waren nun schon über 5 Minuten vergangen.

"Heute werde ich die Diagnostik durchführen.", versuchte ich weiter, Selbstbewusstsein vorzutäuschen und wandte mich direkt an das Kind, " Komm, Sophie, willst du mit mir spielen gehen? Ich hab extra für dich ganz tolle Spielsachen mitgenommen!" Sofort merkte ich, wie Sophie neugierig wurde und einen Schritt auf mich zumachte. "Das kommt überhaupt nicht in Frage!", wütete die Mutter weiter, "Von so einem jungen Ding, das kaum aus der Schule ist, lasse ich die Diagnostik nicht durchführen!" Sophie hatte sie wieder zu sich zurückgezogen. Autsch, das saß. Mit meinen 22 Jahren sah ich wirklich so aus, als sei ich erst aus der Schule gekommen. Dabei war ich fast am Ende meines Studiums. Da spürte ich, wie Trotz aufkam. Wie kam ich eigentlich dazu, mich so behandeln lassen zu müssen?

"Hören Sie,", begann ich meine Ansprache, "Dass Mag. Wagner heute nicht da ist, ist ein Fakt, das wird sich auch nicht mehr ändern. Und mir ist es herzlich egal, ob diese Diagnostik heute stattfindet. Es ist in Ihrem und vor allem auch in Sophies Interesse, dass wir die verbleibenden 50 Minuten noch nutzen, um herauszufinden, wie man Sophie am besten fördern kann. Ich versichere Ihnen, dafür bin ich bestens geeignet."

Nun sah mich die Mutter mit großen Augen an. Und sagte sekundenlang gar nichts mehr. Ich hielt den Atem an. "Na komm, Sophie, geh mit der netten jungen Frau spielen", sagte sie schließlich resigniert. Die Mutter blieb sogar im Vorraum, während ich die Diagnostik mit Sophie machte. Es lief toll. Und ich war verdammt stolz auf mich.

© Marcela