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Schock

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Schock | story.one

"Ligretto stopp", rufe ich und setze somit der Ligretto-Runde ein Ende. Marco und Alex warfen lachend ihre Karten auf den Tisch.

Wir wollen gerade die Punkt zählen, da sehe ich, dass meine Mama anruft. Kurz entschlossen hebe ich ab und hoffe, dass das Telefonat nicht zu lange dauern wird. Die nächsten Worte sollten jedoch den Verlauf des ganzen Abends ändern.

"Marcela, deine Schwester hatte einen Unfall.", sagt meine Mama ohne Einleitung. Sie reißt sich sichtlich zusammen, aber ich höre ihr an, dass sie vorher geweint hat.

"Was!?", ist die einzige Reaktion, die ich geben kann. Mein Gehirn weigert sich, die Nachricht zu verarbeiten.

"Ja, sie wird gerade mit dem Helikopter nach St. Pölten geflogen."

"Helikopter?!", stelle ich eine stumme Frage, zu entsetzt, um mehr zu sagen.

"Ja, es gab einen Reitunfall, ein Pferd ist auf sie gesprungen. Wir wissen auch nicht mehr, nur, dass sie eben gerade im Helikopter ist."

Wir sprechen noch ein paar Minuten. Keine von uns weiß, was sie sagen soll. Trost gibt es sowieso keinen, bis wir wissen, wie schwer die Verletzungen sind.

Da ich den Anruf auf Laut hatte, sind auch Marco und Alex informiert. Das Spiel wird wortlos weggeräumt, ich starre währenddessen nur wortlos ins Leere, bin in Gedanken bei Caro in der Hoffnung, dass sie meine Zuneigung spürt.

Immer wieder muss ich weinen. Anfangs mache ich mir große Vorwürfe, da Caro heute eigentlich in Wien hätte sein sollen, wir wollten einen Escape Room spielen. Aber ich hatte vor ein paar Tagen eine Weisheitszahnextraktion und fühlte mich noch nicht fit genug. Also fuhr sie stattdessen zu ihrem Pferd.

Natürlich weiß ich, dass diese Schuldgefühle Blödsinn sind. Aber immerhin lenken sie mich von den schrecklichen Szenarien ab, die möglicherweise jetzt gerade in St. Pölten ablaufen: Caro, wie sie verblutet. Caro, wie an ihr schwere Organschäden entdeckt werden. Caro, wie sie schlimme Schmerzen leidet. Ich fühle mich so hilflos.

Marco und Alex reden weiter über Belangloses, instinktiv spüren sie, dass ein wenig Ablenkung jetzt das Beste ist, was sie mir geben können. Ich bin ihnen dankbar für ihre Versuche.

Zwei Stunden später dann der Anruf meiner Mama: Sie hat nun mit dem Arzt telefoniert. Caro scheint einen guten Schutzengel zu haben, sie müssten zwar am nächsten Tag noch weitere Testungen machen, aber bisher sieht es so aus, als habe sie lediglich Prellungen erlitten.

Wenige Minuten später ruft auch Caro selbst an: Sie ist jetzt im Zimmer und hat wahnsinnige Schmerzen. Ein Pferd ist über die Absperrung und auf sie gesprungen. Beim Aufstehen ist es nochmal auf ihren Brustkorb gestiegen.

Noch niemals in meinem Leben habe ich mich so gefreut, ihre Stimme zu hören.

Am nächsten Tag drängt alles in mir nach St. Pölten. Ich muss unbedingt selbst sehen, dass es ihr gut ging. Beim Besuch erzählt mir Caro, dass auch die restlichen Untersuchungen Entwarnung geben. Sie hat wirklich riesiges Glück gehabt und nur Prellungen. Ich bin so erleichtert.

© Marcela 01.08.2020

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