ALS ES NOCH KEIN KUKIDENT GAB

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ALS ES NOCH KEIN KUKIDENT GAB | story.one

In der Schule hatten wir einen liebenswürdigen pensionierten Professor in Geografie. Wir Schüler nannten ihn Globerl, weil er einen runden Kopf wie der Globus hatte.

In den meisten Kernfächern saß ich immer gern in der ersten Bankreihe. So konnte mich das Getratsche der Mitschülerinnen nicht ablenken und außerdem hörte ich gern den Lehrenden zu.

„Patzt auf! Patzt auf!“, ermahnte der Lehrende uns Tratschende immer wieder, der fast hautnah vor mir stand. Dabei drosch er mit seinem hölzernen Zeigestock, mit dem er die Weltgegenden auf der Landkarte andeutete, auf meinen Tisch. Er sprühte seine Mundfeuchtigkeit regelmäßig auf meine mit einer Füllfeder geschriebene Mitschrift. Reflexartig wischte ich über das wellig-nasse Papier. Nicht nur die Feuchtigkeit auch meine Aufzeichnungen waren damit weg. Globerl, der fleischgewordene Luftbefeuchter, ärgerte mich maßlos. Dabei war es ohnehin schon so schwül in der Klasse. Der Professor hatte nämlich ein schlecht sitzendes Gebiss, welches sich negativ bei seiner Aussprache auswirkte.

„Eine der bekanntesten Höhlen in Europa ist?“

„Die Höhle von Altamira“, rief ich vorlaut ihm zu, der wie immer vor meinem Tisch stand.

„Komm heraus! Schreib das an die Tafel und zeig sie mir anschließend auf der Karte.“

Ich schrieb Hölle von Altamira.

„In die Hölle kommst du vielleicht einmal“, klimperte er mit den dritten Zähnen. Er zog die Luft ein und presste seine Zahnprothese auf den Gaumen, damit sie wieder für einige Zeit hielten. Die halbe Klasse lachte.

© Margaretha Husek 22.09.2019