CARRÉ ATZGERSDORF

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CARRÉ ATZGERSDORF | story.one

Jede Stadt, so auch Wien, durchläuft Veränderungen. Auf dem ehemaligen Industriegelände zwischen Ziedlergasse, Hödlgasse, Scherbangasse und entlang der Südbahnstrecke in Atzgersdorf, wo sich Fuchs und Hase nachts in die Quere kamen, werden neue Wohnblöcke errichtet für Tausende von Menschen. Info-Initiativen zu den einzelnen Bauprojekten gaben frühzeitig Information an Anrainern vor Ort.

Über zwanzig Jahre war es eine verwilderte Gstätten. Bäume und Sträucher wurden entfernt und auch den Wildtieren der Lebensraum genommen.

Die Wiener Bevölkerung benötigt neuen Wohnraum. Neue Wohnungen erfordern regionale Infrastruktur wie Schulen, Kindergärten, Ärztezentren, Tiefgaragen, Nahversorger und belebte Erdgeschosszonen. Neue Arbeitsplätze und Betriebe brauchen Büros und Arbeitsflächen für Zulieferer. Denn überall dort, wo neue Grätzln sich entwickeln, entsteht neues soziales Leben und Lebensqualität mit Grünflächen. Diese verwilderten Leerstände werden nun genutzt für Neues, für Versorgungs- und Kommunikationsräume.

Die Bauarbeiter begannen den lehmigen Boden mit Baggern auszuheben und unzählige Lkws transportierten das schmierige Erdreich ab. Achtzehn drehende Turmkräne, die auf einen einbetonierten Fundamentanker montiert waren, reckten sich in die Höhe. Mit ihren Laufkatzauslegern transportierten sie die Stahlrohre und vorgefertigte Betonwände an ihren Bestimmungsort. In luftiger Höhe wurde gehämmert, gesägt, geschweißt und in verschieden Sprachen zugerufen. Orientalische Musik dröhnte herüber zu meinem Wohnblock. Unter Applaus seiner Kollegen kletterte morgens der Kranführer mit bodenlangem weißem Kleid, den Rucksack vollgestopft mit seiner Tagesration, hinauf in seine Fahrerkabine. Es war Ende der ersten Dekade im August 2019, in der gläubige Muslime in Mekka mit der Pilgerfahrt, dem Hadsch, begannen. Unter Beifall der schon anwesenden Bauarbeiter stieg er über neun versetzten Leitern hinauf zu seiner Kranführerkabine.

Verwehte Plastikverpackungen schwirrten in der Luft und die vom Wind zerfetzten Reste hängen in den Ästen der Bäume.

Planung und Umsetzung einer klimaneutralen Energieversorgung wie Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach, Glasfaser für Internet, E-Mobilität und Fernwärme sind Standards, um die Wohn- und Lebensqualität zu sichern.

Zwischen den Wohnblocks werden Verbindungswege angelegt. Einer davon wird nach Hedy Blum benannt. Die 11-jährige Hedy, Schülerin der Volksschule Atzgersdorf und ihre Mutter waren Opfer des Nationalsozialismus und wurde im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet. Ein Erinnerungsstein ist bei ihrem einstigen Wohnhaus in der Breitenfurter Straße 316 verlegt.

Der junge abgemagerte Meister Reineke, der dritte in seiner Generation saß, seines angestammten Habitats beraubt, im Sommer am helllichten Tag irritiert auf dem Gehsteig in der Ziedlergasse, genau dort, wo der Hedy Blum Weg angelegt wird.

© Margaretha Husek 05.04.2020