DAS MISSLUNGENE GSPUSI

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DAS MISSLUNGENE GSPUSI | story.one

Meine Freundin Maryaleena ist Finnin. Sie wohnte und arbeitete auch einige Jahre in Iran, bevor sie nach Wien übersiedelte. In Iran war sie die einzige berufstätige Frau in ihrem Bekanntenkreis. Maryaleena war eine praktisch veranlagte und emanzipierte Frau. Als Skandinavierin ging sie selbstbewusst auf Männer zu, die sie attraktiv und anziehend fand.

Marjaleena hatte immer gute Ratschläge. Wenn mich die Launen des Lebenssturmes durcheinander wirbelten und alle Hoffnungsschimmer rissen, dann war sie es, die mir zumindest einen Strohhalm reichte, um mich daran festzuhalten.

Im Sommer beschlossen wir ohne unsere pubertierenden Kinder einen Tag beim Donauinselfest uns zu amüsieren. Wir schlenderten von einer Freiluftbühne zur anderen. Nachdem die hohen Lautstärken der Beschallungsanlagen schon fast unerträglich für uns wurden und die Menschenmassen gedrängt hatten, ließen wir uns an den Gestaden der Neuen Donau nieder und genossen die Musik und den Besucherstrom aus der Ferne.

Die Wiener Bevölkerung war schon immer ein Konglomerat aller möglichen Nationalitäten, ethnischer und kultureller Vielfalt, dachte ich mir. Das sah man beim Donauinselfest am besten.

Oben am Gehsteig fuhren die Radfahrer. Einer winkte uns zu. Ich erwiderte seinen Gruß nicht, ich sah weg. Ich sah wieder hin und er winkte abermals. Demonstrativ drehte ich mich weg. Dann sah ich wieder zu ihm hin. Beim dritten Mal, als er die rechte Hand erhob, schwankte er. Er verlor das Gleichgewicht auf dem Fahrrad und viel über die Böschung. Marjaleena und ich lachten.

Plötzlich stand er vor unserem Tisch. Unaufgefordert setzte er sich zu uns. Das Winken galt eigentlich Marjaleena. Die beiden kannten sich, das ging aus dem Gespräch hervor. Er war Inder: gut aussehend, ebenmäßige Gesichtszüge, groß gewachsen, schlank, charismatisch mit vornehmer Zurückhaltung. Er wirkte anziehend und interessant auf mich. Ich merkte, dass ich emotional hochfuhr. Ich wurde neugierig. Marjaleena beobachtete das Glitzern in meinen Augen.

Von Beruf Kinderarzt, war er auf ein Jahr befristet im St. Anna Kinderspital angestellt, um sich weiterzubilden und anschließend in Australien tätig zu werden, erläuterte er. Dabei wanderten seine Blicke prüfend zwischen Marjaleena und mir hin und her. Er wirkte sehr sympathisch und hatte eine angenehme Art.

Ich bewunderte beide, sie hatten den Mut in einem fremden Land zu arbeiten und nebenbei deren kulturelle und soziale Strukturen und Eigenheiten kennenzulernen.

Mit seinem liebenswürdigen Lächeln lud er mich nach Australien ein. Ich lehnte ab, da ich beruflich wieder neu durchstarten hätte müssen.

Ob dieser ungünstigen Konstellation für mich, meinte die sachlich und praktisch veranlagte Marjaleena:

„Nimm ihn dir! Solange er hier in Wien ist. Er ist gut im Bett.“

© Margaretha Husek 11.10.2019