DIE SCHÖNE GATTENMÖRDERIN

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DIE SCHÖNE GATTENMÖRDERIN | story.one

Der 23. Bezirk Liesing liegt im Süden von Wien zwischen flachem Land und den ersten Erhebungen des Wienerwaldes. Die ehemaligen acht eigenständigen Dörfer Inzersdorf, Erlaa, Siebenhirten, Atzgersdorf, Liesing, Rodaun, Mauer und Kalksburg sind längst schon zusammengewachsen.

Meine Freundin und ich machten eine Radtour entlang des Liesingbaches. Wir staunten über die Maulbeerbäume, die hier wuchsen. Ihre abgefallenen Früchte machten uns aufmerksam. Über Umwegen bogen wir in die Gregorygasse ein und radelten durch die unter Naturschutz stehende Kastanien-Allee bis zum Erlaaer Schloss, das sich zwischen dem alten Ortskern des heutigen Bezirksteils Erlaa und dem erbauten Wohnpark Alt Erlaa befindet.

Es war heiß und wir waren durstig. Kurzentschlossen erfrischten wir uns im Eissalon. Neben uns saß eine ältere Dame. Sie wirkte müde und in sich gekehrt. Allmählich kamen wir ins Gespräch. Seit kurzer Zeit wohne sie mit ihrem Mann im Pensionistenheim. „Da gegenüber“, eröffnete sie und deutete mit der Hand in die besagte Richtung. Früher hatten sie eine Fleischhauerei. Doch ihr Mann sei unruhig in der Nacht und so nehme sie sich eine Auszeit während des Tages.

„Ah! Das Haus am Mühlengrund neben dem Campingplatz? Ich kenne es. Nach der Fertigstellung des Rohbaus sahen mein autististischer Wanderfreund und ich das Haus von innen an. Anschließend stiegen wir auf das Dach, um uns einen Überblick zu verschaffen. Jedoch fiel hinter uns die Eisentür zu und wir kletterten auf dem schrägen Dach hinüber zur nächsten Eisentür. Gott sei Dank, ließ sich diese öffnen“, erzählte ich ihr mein Abenteuer.

Ein älterer Herr am Nebentisch fragte uns, ob wir aus diesem Bezirk seien. „Sind Sie eine Liesingerin?“

„Nein, nicht direkt, ich bin eine Inzersdorferin“, antwortete meine Freundin.

„Und ich bin eine Atzgersdorferin.“

„Aha! Die Abgrenzung gibt es heute noch“, stellte er lapidar fest. Wenn Sie aus Atzgersdorf sind, dann kennen Sie sicher auch die Kapelle in der Breitenfurter Straße, die auf dem Areal des Campingplatzes integriert ist.

„Ja. Dort stehen immer Blumen und Kerzen.“

„Und die Geschichte kennen Sie auch?“

„Nein.“

„Das ist die Kandlkapelle. Anlass zur Errichtung des spätklassizistischen Bildstocks war der Mord an Matthias Kandl, einem Greißler in Wieden Anfang des 19. Jhts. Seine schöne, junge Ehefrau, eine Atzgersdorferin, hatte ihn mit einer Hacke erschlagen und seinen Leichnam in einer Butte verborgen bis zur Piaristenkirche in Wien getragen, um frei zu sein, für ihren Geliebten, den Sohn eines Fleischhauers aus Mauer. 1809 wurde sie zum Tode verurteilt und in der Nähe der Spinnerin am Kreuz durch Hängen hingerichtet. Dort befand sich das Hochgericht, wo bis ins 19. Jht. öffentliche Hinrichtungen durch den Galgen oder das Rad erfolgten. Sie war die letzte Frau, bei der das Todesurteil vollstreckt wurde. Ihr Skelett ist im Wiener Kriminalmuseum ausgestellt.“

Der Mann war Hobbyhistoriker aus dem Bezirk Liesing.

© Margaretha Husek 07.03.2020