skip to main content

#wiennurduallein#einestadteinbuch

EIN FUNKEN WÄRME

  • 28
EIN FUNKEN WÄRME | story.one

Lange lag ich in der dunklen Schublade, einen Winter lang wechselte ich ins oberste Eck des Schrankes, manchmal lag ich unschlüssig auf der Couch, ich schwankte und sah den Boden näher kommen. Doch dann hatte mich eine helfende Hand einfach aufgefangen und mich für lange Zeit im Karton gesteckt im dunklen Eck des Vorzimmers.

Ich dachte schon: „Die nimmt mich jetzt sicher mit. So schön geformt und verziert wie ich bin und so dekorativ.“ Vielleicht liege ich dann wieder in einem schönen Schrank und kann meine Schönheit neu erstrahlen lassen. Na ja, vielleicht werde ich ja vorher ein wenig gereinigt. Das wäre schön! Doch das harte Aufsetzen des Kartons auf der Ablageplatte holte mich in die Realität zurück. Im Kellerregal vergaß man auf mich und so lungerte ich dahin. Keiner interessierte sich für mich. Ich wartete und hoffte jedes Mal aufs Neue, wenn es hieß, Flohmarkt ist heute.

Die Zeit verging und nach fast zwei Jahren war klar, ich bin noch immer da. Da war ich traurig und sah meine Schönheit und Extravaganz schon auf dem Mistplatz verloren.

Doch dann wechselte ich die Lokalität in den Esterhazypark, es kamen andere Menschen. Du wirst es kaum glauben, sie hoben mich in die Höhe, prüften und beschnupperten mich. Dann haben sie so viele Dinge eingepackt und mitgenommen und ich als Zeuge, wie viel Gutes mit uns den Übriggebliebenen, noch gemacht wird und davon will ich dir erzählen.

Es war schon ziemlich frisch. Es ging auf Weihnachten zu. Mich fröstelte es schon ein wenig und so schmiegte ich mich an ein anderes seinem Schicksal überlassenes Ding, namens Wollmütze. Bei dem neuen Standort roch es schon frühmorgens verführerisch nach Kaffee. Neben dem Frühstück wurde auch warmen Essen angeboten und jeder durfte sich davon auch gerne etwas mitnehmen. Menschen strömten herbei und ließen sich auf den Parkbänken nieder. Es ging nicht nur um Essen in entspannter und gemütlicher Atmosphäre, sondern um Essen als Kommunikation zwischen unterschiedlichsten Menschen. Menschen, die unter sehr harten Bedingungen auf der Straße leben.

Die Wollmütze sah sich schon als Siegerin. Sie wurde herausgenommen, begutachtet und probiert, dabei fiel meine Wenigkeit heraus. Da sah ich meine Chance! Der Kennerblick wurde auf mich gelenkt. Der Sachkundige hob mich auf. Ich wurde gedehnt, umgedreht und kritisch geprüft. Ich gefiel dem Interessierten. Er zollte mir Anerkennung und zog mich sofort über seinen Fuß. So wurde ich noch zur Freudenspenderin für den kommenden Winter.

Ich freue mich jetzt, dass ich als in die Jahre gekommene weiche dicke Thermosocke mit Geschichte woanders erneut Freude und Wärme spenden kann.

© Margaretha Husek 2020-11-21

wiennurduallein

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Margaretha Husek einen Kommentar zu hinterlassen.