Angélique und die Mathematik

„Angélique: Ein großes, dramatisches Frauenschicksal aus der glanzvollen Epoche des Sonnenkönigs, von Millionen mit Begeisterung gelesen“ so der Klappentext. …. Dieser mehrbändige Roman aus der Feder von Anne Golon hatte die Generation meiner Mutter in Atem gehalten, ihre Freundinnen und sie sprachen von nichts anderem, und lesebegeistert wie ich war, wollte ich auch am Schicksal dieser phantastischen jungen Gräfin teilhaben. Sehr pädagogisch versuchte meine Mutter, mich von diesem Vorhaben abzuhalten, weil in dem Roman seien Sachen enthalten, die mich verstören würden, (das sagte sie wirklich so), um mir auch gleich das Versprechen abzunehmen, das Buch, auch wenn es in der Wohnung herumläge, ja nicht zu lesen. Damit war für mich klar: Jetzt musste ich wirklich wissen, was da drinnen steht.

Ich hatte eine wunderbare Schulfreundin, Helga, mit der ich gerne gemeinsam Hausaufgaben gemacht habe, und die zwei Vorteile hatte: Ihre Eltern waren nachmittags nicht zu Hause und ihre Großmutter war unglaublich dumm. Nachdem ich mit Helga das Angélique Problem besprochen hatte und wir auch wussten, dass wir das Buch nicht in der örtlichen Bücherei bekommen könnten, weil wir a. dazu zu jung und b. das Ding ja ununterbrochen entlehnt war, ging Helga zu ihrer Großmutter, die das intellektuelle Fortkommen ihrer Enkelin gerne durch Bücher unterstützte. Ich mag mir das Gesicht des örtlichen Buchhändlers gar nicht vorstellen, als diese schlichte Person, die zeitlebens außer dem Gebetbuch sicher nie ein Buch in der Hand gehabt hat, nach Angelique, 1. Band, verlangt hat.

Dann war es da. Nigelnagelneu, und wartete darauf, dass Helga mir daraus VORlas. Es waren herrliche Nachmittage, an denen wir offiziell gemeinsam Mathematik lernten, weil ja eine Schularbeit vor der Tür stand, Nachmittage, an denen wir an der aufkeimenden Liebe zwischen Angélique und dem ihr zugedachten Grafen Joffrey de Peirac Anteil nahmen, atemlos dem Werben des erfahrenen Grafen um seine schöne Braut folgten, bis sie endlich bereit war für die Liebe, ja, endlich, und – es war immerhin schon auf Seite 175 – kam dann das, worauf wir 12-Jährige so neugierig gewesen waren: „… sie begab sich ihres Schamgefühls und bot sich willenlos den kühnsten Liebkosungen dar…“

Wouh, aber was damit genau gemeint war, konnten wir auch nur ahnen. Ein Glück, dass Helga ganz hinten im Schrank ihrer Eltern ein Aufklärungsbuch gefunden hatte, mit dem wir unser Wissen um Angélique nun komplettieren konnten.

Das Ende unserer Geschichte:

Ich hatte mein Versprechen nicht gebrochen, wohl aber die Mathematik-Schularbeit völlig verhaut, so wie auch Helga. Die Eltern zürnten, wir hielten dicht. Helga hatte eine Stimmbandentzündung. Aber wir waren auf dem Weg der Erkenntnis einen großen Schritt weiter gekommen. Und Lesen bildet.

© Margaretha