Das passierte Kind

Ich verdanke mein Leben zwei Wissenschaftlern, nämlich den beiden Gynäkologen Kyusaku Ogino aus Japan und Hermann Knaus aus Österreich, die beide eine Methode zur Berechnung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im Zyklus der Frau gefunden haben und damit die damals einzige Methode, die die katholische Kirche zur Empfängnisverhütung überhaupt erlaubt hat. Die Details wollen wir uns ersparen, dafür gibt es Wikipedia, aber es muss schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine gehörige Portion Aufmüpfigkeit in mir gesteckt haben, dass ich der lebende Beweis dafür bin, dass diese Methode eben nicht funktioniert. Da war ich also, das passierte Kind, das zum absolut unmöglichsten Zeitpunkt das Licht der Welt erblickte. Dann noch ein Mädchen, noch dazu das zweite, zu einer Zeit, wo man anständigerweise doch auch zumindest einen Buben, damals Stammhalter genannt (was immer man mit Stamm meint) in die Welt setzen sollte, bevor man einen Apfelbaum pflanzt … aber ich schweife ab. Eine überforderte Mutter, eine kranke ältere Schwester, und ich – dick, kerngesund, ebenso hässlich wie fröhlich.

Jahre später haben meine Eltern den Fehler gemacht, die Geschichte mit dem Scheitern der katholischen Empfängnisverhütungsmethode zu erzählen, meine Mutter meinte noch, ich sei ein absolut „unmögliches“ Kind, sie meinte es sicher liebevoll, aber da ich gerade eine grässliche Pubertät durchlebte, stürzte mich dieser Satz in eine der, in diesem Alter sowieso fast alltäglichen Identitätskrisen. Da ich es meinen Eltern im Laufe der Jahre sicher auch nicht immer leicht gemacht habe, konnte ich bei etwaigen Konflikten immer die rote Karte ziehen – nach dem Motto „Ihr habt mich ja nicht gewollt ….“

Wieder Jahre später bin ich froh, der katholischen Kirche ein Schnippchen geschlagen zu haben, ich hatte alles in allem eine wunderbare Kindheit, liebevolle Eltern (auch wenn sie nach mir keine weiteren Kinder mehr in die Welt gesetzt haben), und ein gutes und spannendes Leben.

Was ich aber gelernt habe ist, dass es besser ist, manche Geschichten seinen Kindern nicht zu erzählen, auch wenn man sie selbst irgendwie komisch findet. Ich habe aber auch gelernt, dass man ein glückliches und sinnerfülltes Leben führen kann, auch wenn die Karten am Anfang des Lebens nicht die besten waren. Vielleicht ist es gerade dieser Widerstand, der einen wachsen lässt, dieses „Jetzt erst recht“, wenn die Vorzeichen schlecht sind. Und dass man für das meiste in seinem Leben selbst verantwortlich ist, egal, was vorher war. In diesem Sinn: Dank an die Herren Knaus und Ogino.

© Margaretha