Flieg, Bäumchen, flieg ...

Wie jedes Jahr kaufe ich zeitgerecht einen schönen Christbaum, stelle ihn in den Garten, damit er bis zum 24. Dezember frisch bleibt. An diesem Tag bereite ich schon in der Früh alles so weit vor, dass sich mein Partner dem Aufputzen des Christbaumes widmen kann. Ein Unterfangen, für das er absolute Ruhe braucht, wo kleine Ratschläge von meiner Seite an Majestätsbeleidigung grenzen, und wo man sich am besten vom Ort dieser Operation fernhält. So auch im vergangenen Jahr, und das ist der Beginn dieser Weihnachtsgeschichte:

Nach etwa zwei Stunden war es so weit – der Baum war eine Pracht, jede Kugel war exakt an ihrem Platz, die Abstände wie mit dem Zirkel gemessen, die Kerzen brandsicher angebracht. Jetzt war der Moment gekommen, wo der Schöpfer dieser Herrlichkeit ausführliches Lob erwartete, was er auch in reichem Masse bekam. Zufrieden zog sich mein Partner in sein Arbeitszimmer und ich mich in die Küche zurück. Was für ein Glücksgefühl, wenn alles aufs Beste für das Fest vorbereitet ist!

Ein kurzer Kontrollblick ins Wohnzimmer – und da lag er, der Prachtbaum, umgeben von bunten Scherben, entsprungenen Kerzen und der Weihnachtsstern von der Spitze war auch auf einer anderen Umlaufbahn. Wie konnte das geschehen??? Zaghaft rief ich meinem Partner zu, dass er jetzt die Chance habe, sich nochmals als perfekter Christbaumschmücker zu bewähren, aber auch meine Aufmunterung, dass doch Übung den wahren Meister mache, konnte ihn nur bedingt besänftigen. Zumal wir herausfanden, dass ich vergessen hatte, den Christbaumständer mit Wasser zu befüllen und damit erst standfest zu machen.

Diesmal dauerte das Schmücken der Tanne nur mehr eine Stunde, es waren ja auch weniger Kugeln zu verarbeiten, und ich glaube, mein Partner hatte einfach schon richtig Routine … Zufrieden tritt der Held der Arbeit ein paar Meter zurück, um sein Werk mit dem entsprechenden Abstand zu besichtigen, aber natürlich sieht Mann nicht, dass der Teppich unter dem Baum eine große, hässliche Falte wirft. Flugs krieche ich unter die Tanne und richte mühsam den schweren Teppich.

Der gellende Schrei des obersten Weihnachtsdekorateurs klang so ähnlich wie NEEEEEEEEIIIIIIIN, als sich die Tanne zum zweiten Mal dem Boden näherte, der Mann war vor Schreck unfähig, dem Baum entgegen zu springen und den Fall aufzuhalten … und ich saß zwischen den unteren Ästen am Boden und schaute ebenso fassungslos auf den geöffneten Arretierbügel des Christbaumständers. Ob ich mit der Hand oder mit dem Teppich dagegen gestoßen bin, war nicht mehr festzustellen, sicher war jedenfalls, dass ich den Bügel schon vorher nicht gesichert hatte.

Warum das eine Weihnachtsgeschichte ist?

Weil drei gute Dinge passiert sind:

Nach dem ersten Schreck bekamen wir beide über diese absurde Situation einen richtigen Lachkrampf, mein Christbaumschmücker hat mir auf der Stelle verziehen und der Baum wurde von allen Seiten als besonders dezent geschmückt gelobt.

© Margaretha