Liebesbrief an die Angst

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Kann ich an ein Gefühl wie Angst überhaupt einen Liebesbrief schreiben? Müsste ich nicht viel eher einen Wutbrief verfassen, zornig sein?

Also ich versuche es einmal. „Angst wieso sollte ich dich lieben?“ „Du treibst mich im Kreise mit tausenden Fragen, die ich nicht beantworten kann.“ Kein Artikel, keine Nachricht, kein Experte, keine Regierung kann mir im Moment meine Angst nehmen.

Denn diesmal ist alles ganz anders. Die Angst ist nicht fassbar, diffus, wie ein Nebelschleier. Legt sich über alles was ich mache. Nur wenige Stunden, wo ich sie für kurze Zeit vergessen kann. Beim Üben der Asanas, beim Duschen, beim Essen, beim Plaudern mit Freundinnen. Oder wenn ich in einem Buch versinke.

Meine sonst sprudelnde Kreativität ist nahezu auf Null gesunken. Die Nähmaschine habe ich nach einigen Tagen weggeräumt. Ich wollte meine Enkelin Schuhe für ihre Puppe nähen und ein paar Röcke und Kleidchen. Im Moment schein mir das sinnlos. ich weiß nicht wann ich sie wiedersehe.

Es macht mich nur traurig. Also weg vom Tisch.

Üblicherweise freue ich mich auf alleine sein und freie Zeit um ein neues Schmuckstück zu entwerfen und zu gestalten. Auch darauf habe ich überhaupt keine Lust. Mein kreatives Hirn benötigt Konzentration und Ruhe. Ruhe ist derzeit in meinem Hirn keine. Sondern ein Gedankenkarussell, das ich nur schwer steuern kann. Wie ein orientierungsloses Gefährt bewegt es sich mal zurück in die Vergangenheit zu den Momenten, in denen ich glücklich war, die ich vermisse oder in die Zukunft, die so ungewiss ist wie nie zuvor.

Nur einmal in meinem Leben hatte ich ähnliche Angst. Am 26. April 1986 als es zum Reaktorunfall von Tschernobyl kam. Durch unterschiedliche Windrichtungen und Wetterbedingungen wurde radioaktives Material in einer Wolke über ganz Europa verteilt. Auf dem Boden entstand ein radioaktiver Fleckenteppich, je nachdem wo das radioaktive Material abregnete. Wir sollten uns mit kleinen Kindern nicht im Freien aufhalten. Es gab ebenfalls Hamsterkäufe von Konserven und Trockenmilch, weil frische Milch als zu hoch verseucht galt, ebenso frisches Gemüse, Pilze aus dem Wald. Das Spielen im Freien und auf Spielplätzen und in Sandkästen war verboten. Meine beiden Söhne waren zwei Jahre und sieben Monate alt. Sie lenkten mich untertags ab von den Zukunftssorgen und ich teilte die Sorgen und Ängste mit meinem Lebensgefährten am Abend, wenn sie schliefen. Die Geschäfte blieben offen, es drohte keine Wirtschaftskrise.

Das einzige, was mir jetzt Perspektiven eröffnet ist Schreiben und ein Rhythmus, der mir kurzfristig Halt gibt.

"Und das soll ein Liebesbrief sein?" "Ja, denn die Angst ist eine große Lehrerin." Nicht die Angst ist es, die mich lähmt, ich selber nehme mich zurück. Und während des Schreibens wird mir bewusst, dass die Angst genauso zum Leben gehört wie alle anderen Gefühle wie die Wut, die Liebe, die Freude!

Sie zeigt mir, was wirklich wesentlich ist im Leben: das Leben selbst von Augenblick zu Augenblick!

© Margit Berger