Die alten Männer und das Meer

Unser jährlicher Familien-Segeltörn ging seinem Ende zu. Am letzten Abend in der Marina wie immer reges Treiben auf allen Booten - Zusammenpacken, Müll entsorgen, putzen, Gepäckstücke in die Autos raus, Essensreste noch schnell in einem „Piratenpfandl“ gebrutzelt und dabei auch noch die Kinder ruhig halten…Stress pur.

Dann kurzes Ausspannen in der Abendsonne, ein kleines Schwätzchen mit der Crew des Nachbarboots. Aus Tirol waren sie, sieben Männer im besten Alter, also zwischen 55 und 65 etwa. Sehr nett, sehr gemütlich und auch sehr gastfreundlich waren sie – sie teilten ihre letzte Flasche Rotwein mit uns. Von einem merkten wir uns den Namen: Hans B. und auch dass er in einem Elektrizitätswerk in Tirol arbeitete…

Die letzte Nacht schliefen wir besonders tief und fest. Ich bemerkte nicht einmal, dass die Nachbarcrew schon frühmorgens das Boot verlassen hatte und in Richtung Heimat aufgebrochen war. Zurückgeblieben und offensichtlich vergessen war ein ledernes Männernecessaire…es lag am Nachbarboot.

Nun ist Hilfsbereitschaft unter Seglercrews selbstverständlich. Also packte ich das Ding und brachte es zur Rezeption, mit der Bitte, es doch der Tiroler Segelcrew nachzusenden. Die Damen überlegten kurz, meinten dann aber, es wäre schneller und sicherer, wenn wir es nach Österreich mitnehmen und es dort zur Post bringen. Dafür druckten sie mir auch noch Namen und Adresse des Tiroler Skippers aus.

Gesagt, getan, wir hatten es schon eilig und ich steckte das Necessaire einfach in unseren Kofferraum. Zuhause wollte ich es in einen Schulkarton packen und versandfertig machen. Das Ding passte nicht rein. Es war zu hoch. „Vielleicht geht’s rein, wenn ich den Inhalt umsortiere?“ dachte ich. Ich öffnete das Waschzeug und erstarrte kurz: es war vollgefüllt mit Viagra-Schachteln!

Mit ein wenig Umpacken passte der gesamte Inhalt dann doch in die Box und wurde postwendend verschickt….an die Tiroler Adresse.

Was danach folgte, waren Fragen über Fragen…..

KEINERLEI Dankeschön seitens des Empfängers….war er der Besitzer oder einer seiner Freunde? Oder hatte vielleicht seine Frau oder ein Familienmitglied dieses Postpäckchen geöffnet? Na, DAS Drama danach konnte ich mir bildhaft vorstellen….

Ich wurde auch nicht schlau aus der Überlegung: war der Viagra-Vorrat aus Tirol mitgebracht worden? Dann waren die Absichten dieses einen Seglers für diese eine Urlaubswoche wohl eindeutig… Oder waren diese Potenzpillen im Urlaubsland etwa so viel billiger und „Mann“ wollte sich einen Jahresvorrat mitnehmen….ich muss heute noch grinsen.

PS 1: Nie wieder nehme ich Fundstücke ungeöffnet irgendwohin mit!

PS 2: Einige Männer, denen wir diese Geschichte erzählten, nahmen uns kurz beiseite und fragten heimlich: „Ähem, habts nicht zufällig vielleicht ein Packerl zurückgehalten? Hm?“

Fotocredit: Creative Commons Heidi Bauer https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Stones-in-water.jpg

© Margit Polly