Freeride unterm Tellerlift

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Freeride unterm Tellerlift | story.one

Freeride unterm Tellerlift

Manche Kinder sind richtige kleine Angeber. Sie „müssen nichts lernen“ – sie können schon alles. Und zwar besser als alle anderen. Für das Umfeld ist es schwierig, mit diesem Hang zu Selbstüberschätzung, zu Angeberei umzugehen...

Es war ein Schitag mit bestem Winter-Sonnen-Wetter, mehrere Klassen wurden zum nahen Schigebiet transportiert und bereits im Bus teilte der Sportlehrer die Zwölfjährigen in ihre Neigungsgruppen: Schifahrer Anfänger, mittlere, Fortgeschrittene. Snowboarder Anfänger, Fortgeschrittene.

„Ich bitte in die Snowboard-Renngruppe“ rief Philipp. „Ich fahre schon überall hinunter. Ich bin der Schnellste, Mutigste, Coolste….“ Der Junge war topausgestattet, mit allem PiPaPo wie Baggies, Windbreaker, Sonnenbrillen und Handschuhen. Alles grün-blau-gelb. Alles sehr chic. Alles sehr teuer.

Der Lehrer hatte keinen Grund, die Angaben des Buben in Frage zu stellen. Außerdem: im Turnunterricht war Philipp wirklich spitze…also ordnete er ihn der Snowboard- Freeride Gruppe zu.

Kaum auf dem Schihang angekommen aber zeigte sich, dass Philipp wohl im ganzen Leben nie auch nur ein paar Meter auf seinem Snowboard gefahren war. Anschnallen, Aufstehen – zack, er saß schon da. Nochmals Aufstehen, viele Male – plumps, er lag schon im Schnee, immer wieder.

Nach gut einer halben Stunde entschied der Sportlehrer, Philipp am Babylift üben zu lassen und zumindest einmal mit den anderen Jugendlichen eine Bergfahrt zu unternehmen: „Bleib hier, Philipp, nimm den Teller zwischen die Beine, fahr ein paarmal rauf und runter, damit du ein Gefühl für das Board bekommst – dann hole ich dich ab und wir probieren den steileren Lift“.

Der Babylift war im sanftesten Gelände, das man sich nur vorstellen konnte. Weich, flach, gefahrlos. Hier konnte einfach nichts passieren.

Die Gruppe fuhr los. Philipp auch – aber schon auf halber Strecke stürzte er aus dem Tellerlift.

Voller Wut auf den Lehrer und voller Scham über sich selbst, beschloss er in dieser Sekunde, „es allen zu zeigen“. Er blieb steif neben der Trasse liegen, bewegte sich nicht, atmete nicht und spielte „toter Mann“.

Der Liftwart – in Unkenntnis der Vorgeschichte – lief zu Philipp und wollte ihm aufhelfen. Da der Bub reglos da lag und nicht einmal zu atmen schien, alarmierte der Bergwart die Rettungskräfte. Binnen Minuten war der Rettungshubschrauber da. Vor Ort ließ sich nicht eindeutig klären, was denn „das Gesundheitsproblem“ des Buben war – denn nun traute sich Philipp nicht, die Wahrheit zu sagen, die Dimension seines Handelns war ihm bereits bewusst...

Er wurde mit dem Helikopter ins Krankenhaus geflogen, um am nächsten Tag sehr kleinlaut wieder in der Schule aufzutauchen. Zu all dem Spott in seiner Klasse hatte Philipp nun auch wirklich ernste Probleme mit seinen Eltern: diese bekamen eine sehr hohe Rechnung für seinen „Freeride mit dem Hubschrauber“und einen offensichtlich unbegründeten Rettungseinsatz überreicht.

© Margit Polly 14.01.2020