Shit just happens...

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Shit just happens... | story.one

…but it matters how you deal with it.

Diese Message – in eleganteren Worten – bringe ich meinen Schülerinnen und Schülern im Englischunterricht bei. Also „Don´t cry over spilt milk“ was heißen soll: „Gib nie auf“ oder „Vergiss Plan A, nimm Plan B“…

Sie sollen fürs Leben lernen, Querdenker werden und aus möglichst jeder verzwickten Lage einen Ausweg finden.

Die Klasse Zwölfjähriger trabt vor, neben und hinter mir über die Almwiesen. Es ist ein ganz normaler Wandertag an einem ganz normalem Junitag. Heiß ist es, sehr heiß.

Die meisten Kinder sind schon müde, in der Karawane bilden sich Grüppchen, die plaudern und kichern.

Wir sind eine halbe Stunde von unserem Ziel entfernt, unser Bus wird uns alle zur Schule zurückbringen.

Unser Weg führt durch Weidegebiet, niedrige Elektrozäune umgrenzen die Futterwiesen. Eine Kuhherde grast in der Nähe.

„Nicht zu nahe am Zaun“ lautet meine Order, „Schaut, die Kühe haben Kälber, stört sie nicht!“

Da geschieht das Unvermeidliche: zwei Buben wollen ihren Mut beweisen, sie springen über den Elektrozaun und laufen auf die Kühe zu. Kühe ärgern macht Spaß….

Innerhalb weniger Sekunden kippt die Situation: die Mutterkühe setzen sich in Bewegung und stürmen auf die Eindringlinge zu. Die Burschen machen kehrt, versuchen zu flüchten, rutschen in letzter Sekunde unter dem Drahtzaun durch, flutschen dabei durch Kuhfladen und tauchen außerhalb des Zaunes wieder auf. Sie sind in Sicherheit, sind aber hinten vom Scheitel bis zur Sohle mit feuchter stinkender Kuhscheiße beschmiert.

„Pfuiiiii….“ rufen die anderen Kinder, „Bleibt weg, ihr stinkt!“

Beschämt trotten die beiden nun am Ende der Klassengruppe hinter uns her. Gut, dass nicht mehr passiert ist, denke ich mir. Ich soll ja alle gut nach Hause bringen….der Busfahrer wartet schon am vereinbarten Treffpunkt.

Er sieht die Buben. Von Kopf bis Fuß klebt Kuhdreck, teilweise noch feucht, teilweise zu Krusten getrocknet.

„Nein“, sagt er. „So nicht, nicht in meinen neuen Bus!“ Er baut sich mit verschränkten Armen vor der Bustür auf. Unmissverständlich. Unüberwindlich.

In meinem Hirn rattern die Gedanken. Was tun? Ersatzkleidung haben wir nicht mit. Die Kerlchen ausziehen und nackt bis auf die Unterhosen transportieren? Geht nicht, ich sehe den Zeitungsbericht schon vor mir: „ Lehrerin zieht Schüler nackt aus!“ Jemanden anrufen und um Hilfe bitten…geht auch nicht. Wir sind eine Fahrstunde von daheim entfernt.

Ich schaue mich um. Im Dorf gibt’s einen kleinen Supermarkt. DAS ist es…ich renne rein, kaufe die größten reißfestesten Müllsäcke und gemeinsam mit dem Busfahrer hebe ich die zwei Buben einfach hinein. Am Hals wird jeder Sack mit dem Zugband vorsichtig zugebunden. So heben, tragen und schieben wir die Jungs in den Bus. Das alles zum großen Gaudium der anderen Kinder….

Vor der Schule bekommen die wartenden Eltern ihre kleinen Dreckspatzen verpackt und verschnürt, als stinkende Ekelpakete aber gut transportierbar, überreicht. 😊

© Margit Polly