Bilirubin ist kein Halbedelstein.

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Bilirubin ist kein Halbedelstein. | story.one

An einem Freitag kamen wir zurück von unserem Kameltrekking „Duft der Berge“, um Punkt 12h zum Mittagsgebet. Hunderte Männer in und um die Moschee in St. Katharina. In dem Moment, als wir ankommen, fängt der Muezzin an. Ein würdiger Abschluss. Ein Singsang, der mich aus Zeit und Raum führt.

Dann „letztes Abendmahl“ (= breakfast um 17h - es war Ende des Ramadan) bei Mohammad, unserem Fahrer, und seiner Hauptfrau in Dahab. Die Suppe lauwarm und undefinierbar. Ich traute mich nicht abzulehnen. Nippe wie ein Vögelchen.

Danach 6 Stunden in der Dunkelheit auf Buckelpisten durch die Wüste. Mit doppelt gebrochenem Arm. Das Gebiet ist mit einer Reisewarnung „versehen", Anschlag auf ein Hotel in Taba. Zwischendurch wache ich auf. Im Halbschlaf sehe ich junge, gut aussehende Männer in Uniformen, in Amerika wären sie Filmstars. Waffen, Schlagbäume, Benzinkanister als „Gewichte“. Wie können die das hier monate- und jahrelang aushalten? Nur ein paar staubige Grasbüschel rundum, rostige Blechverschläge, in denen sie essen, schlafen, Kaffee trinken, trotzdem viele lachende Gesichter.

An den Schlagbäumen immer wieder dieselbe Frage an Mohammad. Seine Antwort klingt so: Pente nemze (5 Österreicher). Ich möchte immer lachen (bitte nehmt’se), wenn ich das höre, fürchte aber, dass das jetzt vielleicht nicht so gut ankommen könnte bei den finsteren Gesellen. Aber wir werden immer durch gewunken. Irgendwann nachts sind wir in Kairo.

Wegen meiner völlig verwüsteten Frisur nehme ich das Beduinentuch auch in Österreich nicht vom Kopf. In einer Raststätte bei Hartberg, wo mein Bruder mich abholt, werde ich ziemlich argwöhnisch betrachtet mit meinem„Palästinensertuch“. Zumindest gegenüber dem Ehepaar an meinem Tisch sehe ich mich zu einer Erklärung genötigt. Ich komm grad...

Zwei Wochen später. Abschluss meiner "Spurwechsel"-Ausbildung. Beim Abendessen kann ich das Essen auf einmal nicht mehr sehen, will mich kurz auf’s Ohr legen vor der Abend-Einheit, kriege Fieber und Durchfall. Der dauert 5 (!) Monate. Die will ich jetzt aber nicht im Detail schildern.

Zwischendiagnose Hepatitis, Blutdruck 90 zu 60, Dehydration. Ich hab ausgetrocknete Lippen wie eine Extrembergsteigerin, denk mir aber nichts dabei, schmiere sie immer wieder mit Labisan ein. Das erinnert mich an den 1. Schikurs mit 14 in Obertauern. Da durfte ich noch keinen Lippenstift tragen, hab die Jahre mit Labisan überbrückt. Auch mein Hirn ist ausgetrocknet. Ich bin arbeitslos, vor meiner flüchtigen Paddelbekanntschaft verberge ich alles.

Drehschwindel, bei dem ich das Gefühl habe, ich werde ins All geschleudert und verliere den Kontakt zur Erde, habe keinen Körper mehr, keine Gedanken. Das passiert, wenn ich den Kopf um Zentimeter drehe. Endlich die Diagnose, Tipp von einem Pfarrer, der oft nach Jerusalem pilgert: Sinai-Besucher, merkt euch: Lamblien! Das verkürzt den Prozess. Und lasst euch deshalb von der Wüste nicht abhalten!

Bilirubin ist ein Leberwert.

© Margret Moser