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#krise#hase#youandme

Corona Hasenbratl

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Corona Hasenbratl | story.one

Seit einigen Wochen treibt sich bei uns ein Hasen-Asylant herum. Ob er schon einen Antrag gestellt hat, wissen wir nicht. Er flüchtet, wenn wir uns ihm mit Formularen nähern. Er ist ein gut genährtes Kaninchen. Sehr hübsch, cognacfärbig, bissi übergewichtig vielleicht. Anfangs war auch noch ein Weibchen (?) dabei. Weiß mit schwarzen Flecken und viel Kajal um die Augen. Das hat er jetzt aber abgehängt, anscheinend.

Ich war entzückt. Bin es noch. Meine flüchtige Paddelbekanntschaft weniger. Aber er gewöhnt sich langsam. Doch er wollte der Sache auf den Grund gehen. Zuerst konferierte er mit der Nachbarin von gegenüber, die auch unser Haus Tag und Nacht, gut nachbarschaftlich gemeint, beobachtet.

Die Rund-um-die-Uhr-Bewachung hat auch schon Erkenntnisse zu Tage gebracht. Manchmal wird nämlich unsere „Kleine Zeitung“ gefladert. Und durch Frau M.s Bemühungen haben wir zumindest einen Verdacht. Ein Zuhälter, der früh morgens mit seinen zwei Kleinhunden spazieren geht, während seine Frau den letzten Kunden bedient und die Betten neu bezieht.

Diese Woche hat er 2x zugegriffen. Ich sehe ja ein, er hat viel Tages- und Nachtfreizeit. Ihm werde ich nun ein Schild machen: Sie können sich die Zeitung gerne nehmen, wenn wir sie ausgelesen haben. Zurück zum Hasi.

Am Anfang der Corona-Krise habe ich gescherzt und gesagt: Schaut's, da laufen schon unsere Osterbratln! Das dürfte die schwarz-weiße Lebensgefährtin gehört haben. Sie kommt seither nicht mehr. Ob er nun überhaupt Single ist oder ob sie sich nur nicht mehr hertraut, ich weiß es nicht. Vielleicht kann Frau M. auch in diese Richtung ermitteln.

Jedenfalls zick-zackt der Cognac-Bursche jetzt am Grundstück herum. Wenn ich ihn fotografieren will, läuft er schnell auf einen Schatten, den die riesigen Obstbäume werfen. Und dann seh ich genau gar nichts. Aber gerade eben hab ich ihn erwischt. Mit der Kamera, vom Klo aus. Ihr müsst aber ganz genau schauen. Es ist ein Suchbild.

Wohnen tut er, also den Hauptwohnsitz hat er, das haben wir über die Nachbarin nun schon klären können, ca. 200m entfernt, beim anderen Zuhälter. Ihr werdet jetzt glauben, wir wohnen in einer ganz furchtbaren Gegend. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist eine sehr bürgerliche, na eher kleinbürgerliche, Sackstraße, zweigeteilt in eine „bessere“ Seite, wo wir wohnen (!), und eine schlechtere, wo Ex-Sturm-Präsident Hannes Kartnig aufgewachsen ist. Wie in Paris, la rive gauche und la rive droite.

Hier in Graz wohnen wir aber auf der rive droite, sozusagen, also auf der „besseren“ Seite, aber ohne Galerie Lafayette. Gauche wäre die Kartnig-Seite. Links. Alles verdreht irgendwie. In Paris wär ich lieber auf der linken Seite. Dort wo Sorbonne und Künstler-Cafés sind.

Sehr weit vom Hasen abgekommen, wieder einmal, meine Spezialbegabug. Aber Zuhälter wissen halt auch wo’s schön ist. Und wo es nicht so auffällt, wenn alle 3 Wochen ein anderes ungarisches Auto vor der Tür steht. Das hat sich nun coronabedingt aufgehört.

© Margret Moser 2020-04-07

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