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#familie#tante#enttäuschung

Das rosarote Kleid

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Das rosarote Kleid | story.one

Meine Großhalbtante Eva-Sophie, bis Mitte Dreißig Sofe genannt, später durch die Heirat mit einem deutschen Wirtschaftswundermann in Eva umgetauft, war völlig aus unserer Art geschlagen. Ein Kind vom Insberg, eine Anhöhe über dem Millstättersee, von mir The Heather Heights genannt (nur für Insider). Ihre Geschichte habe ich in „Großfürstin Olga“ weitergesponnen. Nun füge ich diesem Leben ein letztes Kapitel hinzu.

Ich mochte sie nicht von dem Alter an, als mir eigene Gedanken gelangen. Sie hat aus Berechnung reich geheiratet, war unglücklich geworden und extrem manipulativ. Sie war meine Firmpatin, erschien aber nicht, weil sie weit entfernt wohnte. Mutti vertrat sie. Die goldene Firmungsuhr ließ ich ein paar Wochen später beim Nachbarn auf dem Tischtennistisch liegen. Unabsichtlich.

Drama im Sommer, als sie dann auf Urlaub kam. Danach hab ich alle Geschenke abgelehnt. Ein Versuch, mich mit 17 anläßlich eines 5Uhr-Tanz-Tees am Maschsee mit einem Hildesheimer zu verkuppeln, misslang kläglich. Von da an war ich abgeschrieben.

Kurz vor ihrem Tod fuhr ich mit Mutti nach Hannover und besuchte sie im noblen Altenheim. Kühle Begrüßung. Während die beiden plauderten, saß ich im Park.

Wir wohnten in ihrer leerstehenden Villa in bester Hannoveraner Lage, sollten uns aussuchen, was wir mit nach Österreich nehmen wollten. Es gab wenig Schönes. Traurig. Ein alter Ohrensessel samt Leselampe, eine Standuhr mit dem Ton von Big Ben...Ich nahm mir eine kleine Porzellanskulptur, 2 Pudel. Sie liebte Hunde mehr als Menschen.

Zum Abschied gab sie mir ein kleines Schächtelchen mit einem sehr zarten Goldkettchen und Ohrringerln, von einem Klagenfurter Juwelier. Sie hatte es von ihrer Mutter, meiner Urgroßmutter. Im Dorotheum datierte man es aufgrund des Verschlusses der Ohrringe auf 1870 oder später. Ich war gerührt. Könnte sogar von der UrUr-Oma stammen. Dazu sagte sie noch, ich sollte im Kleiderschrank ganz oben hinten nachsehen. Ein Kleid. Wenn es mir gefiele, könnte ich es haben. Ich fand es im letzten Winkel in einem Leinensackerl mit Max & Moritz drauf und dem Spruch: Jeder denkt: Die sind perdü! Aber nein! Noch leben sie!

Es war ein sehr schweres, über und über mit Perlen besticktes zartrosa Abendkleid, das sie etwa um 1955/56 von ihrem Straßenbaulöwen, der ein hohes Tier in der Wirtschafstkammer war, zum „Ball der Bauwirtschaft“ bekommen hatte. Ich stellte mir vor, wie sie mit ihm, wie damals üblich, in einen Modesalon ging, sich ein Kleid ums andere vorführen ließ. Und er, stolz auf seinen "Besitz" blickend, sein Cognacglas schwenkte.

Mit diesem Kleid saß ich nun in der Mailänder Scala, hoffend, dass sie mir von oben zusieht und sich, ein einziges Mal wenigstens noch, über mich freut. Und mit Mutti herzlich lacht über meine Performance mit den eigens dafür bei Pitarello um 24,90 gekauften Abendschuhen.

Mein Bruder war Sponsor und Begleiter dieser morbiden Milano Mode Mission. Nur mit ihm geht sowas. Mission accomplished!

© Margret Moser 2019-10-23

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