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#abenteuer#russland#moskau

Der Maler vom Starij Arbat

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Der Maler vom Starij Arbat | story.one

Es war einmal eine Frau, die lebte in einem der reichsten Länder der Erde. Sie selber war auch reich. Na ja, so reich auch wieder nicht, aber zumindest konnte sie einfach sagen: So, jetzt möchte ich einmal einen Monat lang nach Moskau und dort herumstreunen. Sie packte ihre Wärmflasche ein, es war Anfang November, und breitete ihre Flügel aus.

Eines Tages schlenderte sie durchs Künstlerviertel, über die Straße, die nun wieder den schönen alten russischen Namen Starij Arbat trägt und in so vielen Liedern und Romanen verewigt ist. Einem alten Mann mit Rauschebart kaufte sie gleich zehn Matrjoschkas ab.

Er nahm sie einzeln auseinander, zeigte jedes Püppchen her und pries dessen Vorzüge: Hat sie nicht ein sympathisches Gesichtchen? Sehen Sie nur hier, die mit den Äpfelchen ... Schließlich durfte sie auch noch ein Foto von ihm und seinem Matrjoschka-Selbstporträt machen, ohne dafür Extra-Rubelchen berappen zu müssen.

Im Izmailowski-Park, am nordöstlichsten Rande der Stadt, dem größten Antiquitätenmarkt, ging sie stundenlang standhaft vorbei an altem russischem Kunsthandwerk, Samowaren, silbernen Teegläsern, Lampen, Gemälden. Und Blini-Ständen, mit den köstlichsten und hauchdünnsten aller Palatschinken, die weltbeste Sorte von allen: Blin s schokoladnoj pastoj. Schokopasta.

Irgendwann fiel ihr Blick auf die hübscheste rote Rubaschka am riesigen Markt. Kurzer Black Out Friday, Schwächeanfall. Sie handelte nur ein ganz kleines bisschen, tschut-tschut, weil das auf einem Markt einfach dazu gehört. Die Verkäuferin war froh, dass die Kundin die echte Handarbeit schätzte und sie im Preis nur tschut-tschut nachgeben musste.

Eines Tages sah sie am Arbat eine Frau in der Eiseskälte stehen. Sie verkaufte Bilder. Eines war ihr ins Auge gestochen, Meer, dunkel, melancholisch, schwermütig wie die russische Seele selbst. Auf grobem Leinen gemalt, es mochte einmal ein Kartoffel- oder Kohlesack gewesen sein. Die Frau sagte leise, unaufdringlich: Pered grosom, na Tschornoj More. Moj mush chudoschnik. Vor dem Gewitter, am Schwarzen Meer, mein Mann ist der Künstler. 80.- Dollar sollte es kosten, mehr als eine Monatsrente, sie fügte aber hinzu: Tschut tschut ...

Die Frau machte sich auf die Suche nach einem Bankomat. Der heißt auf Russisch Bankamatt, Betonung auf matt. Sie ging weit, über eine Stunde. Geld fand sie bald, aber nirgends mehr ein Bild, das mehr an ihr Herz rührte. Als sie zurück kam zu „ihrem“ Bild, sah sie schon von weitem ein Aufleuchten in den Augen der Frau: Ich habe nicht geglaubt, dass Sie zurückkommen!!

Aufgeregt und mit zitternden Händen begann sie die vielen kleinen Nägel aus dem Leinen zu ziehen, der Nachbar, auch ein Maler, eilte zu Hilfe. Beide wollten nicht, dass die fremde Dame länger als unbedingt notwendig in der Kälte auf das Bild warten musste. Zum Transport im Flugzeug trennten sie Leinen von Rahmen, damit es keinen Schaden nähme.

Es war ein guter Tag am Arbat für den Maler Vsevolod und seine Frau.

© Margret Moser 2019-11-30

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