Der Rebbe kommt um zwei Uhr nachts

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Der Rebbe kommt um zwei Uhr nachts | story.one

Als ich 1984 an meinem Geburtstag zu meiner flüchtigen Paddelbekanntschaft nach Graz zog, schenkte er/sie mir ein altes Waffenrad, das ich mir wunderschön rot-weiß lackierte. Damit machte ich die Stadt unsicher, die mir nach langer Abwesenheit stark und positiv verändert schien. Zwar immer noch Balkan, der beginnt ja bekanntlich in Graz, aber das Mediterrane fiel mir jetzt stärker auf. Laue Herbstnächte.

Ich war frisch verliebt, hatte sofort einen tollen Job beim Landesfremdenverkehrsverband. Und in einer solchen lauen Septembernacht fuhr ich mit dem Radl zu einem Konzert im Minoriten-Saal. „Shlomo Carlebach – der singende Rabbi aus New York“, chassidische Lieder. Ich saß in der ersten Reihe. Der Rabbi wirbelte herum, tanzte, sang, erzählte Witze und Ernstes, sehr lustig aber auch tiefsinning, charismatisch.

Wikipedia: "Shlomo veröffentlichte mehr als 25 Alben und machte sich in den 1960er Jahren als Sänger und Komponist von israelischen, chassidischen und amerikanischen Volksliedern einen Namen. Er ging auf zahlreiche Tourneen in Großbritannien und in den USA und nahm mehrere Platten auf. 1963 spielte er an der Seite von Bob Dylan und Joan Baez auf einem Festival in San Francisco."

Zum Schluss bat er uns in einer sehr berührenden Rede, doch unsere Telefonnummern mit ihm auszutauschen. Egal wo in der Welt, man könne ihn anrufen und mit ihm reden, wenn man in Not sei oder das Bedürfnis habe. So eine Art singende Kummernummer. Wir waren völlig verzaubert, hypnotisiert. Die ganze erste Reihe trug sich ein. Ich auch.

Nach dem Konzert fuhr ich beschwingt nach Hause, ziemlich weit, sicher 5 km im Dunklen. Ich kam gegen Mitternacht an, auf Zehenspitzen ins Wohn-Schlafzimmer, leise auf das Mehrzweck-Sofa gelegt, lange wachgelegen. Um zwei Uhr früh riss mich das Klingeln unseres Telefons aus dem Halbschlaf. Hastig hob ich ab. Eine heisere, raue Stimme keuchte ins Telefon: Margret, hier is da Shlomo. Wann kennen wir Liebe machen?

Ich hab den Hörer so leise wie möglich auf die Gabel gedrückt. Das Herz hat geklopft bis zum Hals. Arnold war schwer irritiert. Ich wohnte erst einige Wochen bei ihm. So ein Hund, dachte ich mir. Der Kerl bumst sich mit seinem Telefonbuch durch die Grazer Nacht, oder gar durch den ganzen "steirischen herbst"!

Ich vergaß den Namen. 30 Jahre später, 2014, flog ich mit einer Freundin und meinem Bruder nach New York, airbnb-Appartement in der 79th Upper West am Central Park. Am Tag vor unserem Rückflug spazierten wir noch zum Hudson River.

Wir waren erst ein paar hundert Meter gegangen, da stand ich vor der „Shlomo Carlebach Shul“. Von unserem Appartement aus schauten wir jeden Tag in den Innenhof und sahen dort in einem Raum im Parterre Schüler mit dem schwarz-weißen Schal um den Hals beim Studium der Thora.

Daheim googelte ich wieder und fand ziemlich viele Einträge wie z.B.: "Erst nach Shlomo Carlebachs Tod wurden Vorwürfe laut, er hätte sich mehrfach Frauen anzüglich genähert und sie sexuell belästigt."

© Margret Moser 17.10.2019