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#familie#russland#papa

Der Starshij Portnoj von Nishnij Tagil

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Der Starshij Portnoj von Nishnij Tagil | story.one

Papa, geboren 1911, musste Schneider lernen, weil von einem älteren, im Ersten Weltkrieg gefallenen, Bruder noch ein Berufs-„Tool“ vorhanden war, die Schere am Foto. Die war so kostbar, dass man sie nicht „verfallen“ lassen konnte. „Es Thomele“ wollte eigentlich Schriftenmaler werden, sowas von brotlos und außerirdisch, man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Eltern reagiert haben.

Er wurde Schneiderlehrling, ging er mit einem alten, grantigen Meister auf die Stör, von einem Bauern zum anderen, flickte dort, was zu flicken war, bekam Watschen als „Lehrlingsunterstützung“ und zu essen, was übrig blieb, mit einem Holzlöffel, der durch die Runde ging und jeweils nur abgeschleckt wurde, bevor der nächste ihn bekam.

In Kriegsgefangenschaft geriet er in der Nähe der Stadt Orel an der Oka (Arjol ausgesprochen, der Adler), 350km südwestlich von Moskau. Von dort wurden er und Tausende andere mit dem Viehwagon in den GULAG von Nishnij Tagil, hinter dem Ural gleich links, gebracht. Dort stieg er dann bald auf zum Starshij Portnoj, dem "Ältesten Schneider".

Er hatte ca. 40 Mitgefangene „unter sich“ und musste mit diesen aus den Kleiderfetzen verstorbener Soldaten wieder neue Uniformen zusammenflicken. Er muss ein recht guter Lehrherr gewesen sein, denn eines Tages, Mitte der 50er Jahre, zeigte er mir ganz stolz einen Artikel im „stern“. Titel „Der Modezar von Moskau“ . A Deitscha, a talentierts Bürschl, des war mei Lehrling in Nishnij Tagil, sagte er feierlich.

An die 4 Jahre verbrachte er im Lager, sah und erlebte Unfassbares. Wenn er was zu essen bekam, dann war es oft heißes Wasser mit Graseinlage. Dieses Gericht verglich er später einmal mit meiner Broccolicremesuppe: Sowas Ähnlichs homma mir in Russland a kriagg.

Dem Lager angeschlossen war ein Lazarett. In diesem arbeitete eine russische Krankenschwester, blauäugig und mit dickem, blondem Zopf. Die beiden verschauten sich ineinander, sie hieß Olga, wie sonst?, und verhalf ihm zu einer Woche „Spa-Aufenthalt“, wo sie ihm nahe sein und Gutes tun konnte. Als er nach dieser Woche wieder zurückkam in die Schneiderei, musste er feststellen, dass ausgerechnet in dieser Zeit alle österreichischen Gefangenen heimfahren durften. Ihm brachte dieser Spa-Aufenthalt ein weiteres Jahr im GULAG. Ob er und die liebe Krankenschwester sich darüber gefreut haben, vergaß ich zu fragen, so fasziniert war ich von dieser Erzählung.

Ich verstehe heute allerdings, dass er sich mit Händen und Füßen gewehrt hat dagegen, dass ich als 10-jährige erstmals meine Zöpfe abschneiden ließ. Hat dann eh blöd ausgeschaut. Wie ich auch, spät, verstanden hab, dass er mir nie erlaubte, auf unserer Terrasse eine Hängebirke zu pflanzen. Aus Birkenstämmen machte er Kreuze für seine gefallenen Kameraden im Schlachtfeld und im Lager.

Die Birke blieb unser Symbol für gegenseitiges Missverständnis und Sprachlosigkeit. Trotzdem ist sie mein Lieblingsbaum. Eine steht heute im Garten des Elternhauses.

© Margret Moser 2019-08-08

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