Der Weiber Zeit ist kurz…

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... und läuft im Sauseschritt davon. Ein Satz aus dem russischen Krimi „Live-Zeit“, gemeint ist eine live übertragene Fernsehsendung. In der deutschen Übersetzung heißt das Buch von Polina Daschkowa „Russische Orchidee“.

Der deutsche Titel bezieht sich auf eine der „Hauptdarstellerinnen“ im Krimigeschehen, eine Brosche aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, mit einem riesigen Diamanten, der weltbekannt aber verschollen ist. Die Leser werden zurückgeführt in die Zeit, in der dieser Diamant in einer Mine von einem Huhn gefressen und dann wieder ausge… wird. Das soll es angeblich gegeben haben. In diesen Minen haben arme Leute gearbeitet, die dort auch gewohnt und ihre Hendln zur Versorgung dabei gehabt haben.

Die Brosche wird zum Jagdobjekt für einen Oligarchen-Verbrecher aus Moskau. Eines Tages entdeckt er bei einem kleinen Antiquitätenhändler in einem winzigen Dorf das Ölporträt einer jungen Frau, die auf ihrer ärmlichen Bluse diese ungeheuer wertvolle Brosche trägt. Es geht hin und her zwischen 19. Jahrhundert und den 80er Jahren in Russland. Zwischen dem alten Grafen, der den Diamanten von seiner „Hühnerfrau“ bekam. Er ließ sie vor dem 1. Weltkrieg zu einer exquisiten Brosche für seine geliebte Frau machen. Und dem kriminellen Milieu im Moskau der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, mit schlüpfrigen Talk Shows, erpresserischen Zeitungsschmierern, Yellow Press Skandalen etc.; sehr interessant dieser abwechselnde Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Sprache, Kleidung, Lebensstile.

Da bin ich nun an der Stelle angelangt, wo ich diesen Satz lese, der mich ganz rasant in die Gegenwart katapultiert. Weil er so einprägsam ist, noch einmal: Der Weiber Zeit ist kurz und läuft im Sauseschritt davon. Es spricht der alte Graf mit seinem Schachpartner. Die beiden treffen sich wöchentlich zu einer Partie im gräflichen Pavillon. Der verarmte Graf entflieht damit für einige Stunden seiner eifersüchtigen, misstrauischen, neureichen und deswegen mit ihm verheirateten Ehefrau Irina. Baturin, sein einziger Freund, Besitzer des Nachbargutes, Konstantin Wassiljewitsch, ebenfalls verarmeter Adel. 45 Jahre, Doktor der Medizin, ein schweigsamer melancholischer Mensch, der das Schachspiel und den Kirchlikör (Kirsch natürlich) über alles liebt.

Und so bade ich wieder in meinem verlangsamten Tschechow-Teich mit Kirschgarten, weit weg vom Hier und Jetzt. Bis dieser Satz hinein knallt. Und weil er so wahr und furchterregend ist, hier noch einmal: Der Weiber Zeit ist kurz und läuft im Sauseschritt davon.

Was ich damit sagen will, weiß ich nicht genau. Ich bin nur eine Typin, die das, was sie liest, sieht, hört und schön findet, so gern mit anderen teilt. Ich hoffe, ihr findet ein bißchen Gefallen an diesen vielen Worten, die heute wieder einmal gar nicht alle von mir stammen. Ich würde so gern auch tolle Krimis schreiben wie Polina Daschkowa, aber ich verliere so schnell den Faden. Und die Geduld. Please stay me gewogen!

© Margret Moser