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Fremdenverkehr

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Fremdenverkehr | story.one

Das Wort mutet heute schon sehr eigenartig an. Und ist verpönt. Wie vieles, was fremd ist. Und erst der Zusammenhang mit Verkehr! Da klingt doch Tourismus unverfänglicher. Ich werde trotzdem beim Fremdenverkehr bleiben, denn so hieß das damals, als ich ein Kind und dann ein Teenarger bzw. Backfisch war. Teenarger, das lass ich auch so stehen. Das ist einer meiner zahlreichen Freud’schen Verschreiber, die zu schön sind, um korrigiert zu werden.

Fremdenverkehr in den 1960er Jahren am Millstättersee in Kärnten, das hieß volle Häuser, volle Betten, volle Badewannen. Zumindest bei meiner Tante in der Seestraße war das so. Nicht, dass sie so geldgierig gewesen wäre. Im Gegenteil. Sie war die Gastfreundschaftund Leichtigkeit in Person.

Unser Dorf war von April bis Ende September ausgebucht, und zwar so ausgebucht, dass meine Mutti täglich mehrere Male Leute abweisen musste, obwohl ein großes Schild am Haus angebracht war: Grün hieß frei, rot hieß besetzt. Mutti stellte es im Frühjahr auf rot und so blieb es. Auch in allen anderen Häusern. Es gab überall nur „fließend Kalt- & Warmwasser“, aber das reichte aus, für den Verkehr mit Fremden. Das meiste ließ man eh am und im See. Und dann waren da ja auch noch Pitralon und Kölnisch Wasser.

Eines Tages kam mir ein alter Herr entgegen. Rucksack, Bundhosen, Haferlschuhe, weißes Haar, rotes, freundliches Gesicht. Er fragte, wo er ein Einzelzimmer bekommen könnte. Oh Gott, Einzelzimmer, überhaupt nicht! Ich wollte ihn nicht entmutigen, sagte: Ich gehe mit Ihnen zu meiner Tante. Der wird schon was einfallen.

Er bekam das Abstellkammerl, der alte Oberst Simon aus Salzburg, und war hoch zufrieden. Er kam viele Jahre, bis er nicht mehr konnte. Bestand auf dem Kammerl. Jedes Jahr malte er im Dorf Aquarelle und bezahlte damit sein bescheidenes Quartier im gastfreundlichen Hause Madritsch. In jedem Zimmer hing bald eine Landschaft von ihm. Auch wir bekamen drei Bilder. Das schönste, unsere Döbriacher Kirche, hängt nach wie vor im Frühstückszimmer. Jeden Tag, wenn ich im Hause unserer verstorbenen Eltern den Sommer verbringe, habe ich es vor mir und erinnere mich an die gemütlichen Jahre der Sommerfrische, ohne airbnb und all inclusive. Aber mit Familienanschluss.

Einmal hielt ein VW-Käfer mit Münchener Kennzeichen vor dem Tante-Haus. Vier fesche Burschen hüpften heraus. Tante war angetan. Ich auch, ich war so um die 15, Teenarger eben. Besonders einer gefiel mir. Erst später fiel mir auf Fotos auf, dass seine Ohren unten breiter waren als oben. Ich entliebte mich unverzüglich. Diese Burschen mussten wirklich in den Keller. Sie fanden das sehr lustig, die Atmosphäre in jenen Jahren war von bezaubernder Leichtigkeit. Ich glaube, Tante hat ihnen auch nichts abgeknöpft dafür. Höchstens ein paar Netsch für das Frühstück. Jedenfalls blieb die Vierer-Bande. Sie kamen noch etliche Jahre.

Einen traf ich 10 Jahre später in München an einer S-Bahn-Station. Aber nicht den mit den Ohren up-side down.

© Margret Moser 2020-05-19

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