From Russia Without Money

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From Russia Without Money | story.one

Es gab 2003 schon Bankomaten. Trotzdem, der Moment, wenn man die Karte einsteckt, ist immer sehr spannend. Beim dritten Mal hat man ein Problem. In Moskau sah ich aber, da regiert nicht der SK Sturm sondern die RAIKA. Ganz schön im Zentrum. Das erste Mal, dass ich mich über den Anblick einer RAIKA gefreut habe.

Ich war als Westlerin sofort „derbleckt“. Hinter mir wurde ein "Kohle"Bergwerk vermutet. Im Sanduny, der Jugendstilsauna, wo schon Tschechow geschwitzt hat, hab ich gleich einmal ordentlich abgelegt. Für eine richtige Abreibung mit Eichenblättern und eine Filz-Schapka. Birken waren gerade „ausgegangen“.

Dann Strafzahlung wegen der verspäteten Registrazija plus Blat (Schmiergeld) für die arbeitslosen KGB-Beamten. Tauwetter ist nicht immer gut für alle. Dafür sind andere Dinge in Russland fast geschenkt. Für 40.- öS konnte man 1 Monat nach Hause telefonieren. Ich war enttäuscht. Ich will weit weg sein und mich auch so fühlen. Dabei stört billiger und einfacher Zugang zum Telefon.

RAIKA. Vorsichtig machte ich eine Probeabhebung. 50.- Euro. Gelang. Misch'n possible, würde mein Bruder sagen. Nun konnte ich getrost herumziehen und machen, worauf ich Lust hatte. Abends lag ich im Bett mit Marco Polo und stellte mir den Spaziergang für den nächsten Tag zusammen.

Ausgangspunkt Roter Platz. GUM. Nix gekauft. Der billigste Pullover 1000.- (wegen der Dramatik in S). Essen musste ich. Highlight für mich immer Borschtsch, die Rote Rüben-Suppe mit saurem Rahm und – at its best – mit drei Fleischsorten. Die brauch ich aber nicht. Im GUM no Borschtsch. Wohl zu wenig international. Hendl Ukrainisch. Sowas wie bei uns à la francaise. Besonders. Heute nimmt man Ukraine am besten gar nicht in den Mund. Das Hendl war grauslich, lauwarm, zäh. Teuer.

Zum Abschluss hatte ich meiner Land Lady samt DDR-Lebensberater einen Restaurantbesuch zum Geburtstag versprochen. Marco Polo sagte folgendes: Dom Literatov, Haus der Literaten, wie eine Kirche, rot-güldene Türsteher, dunkles Gestühl (Beichtstühle), feierlich, steif und SEHR teuer. Galina und ich lassen uns alles zeigen, das Personal sieht an unseren Plastiksackln, dass kein Geschäft winkt. Wir blättern vor dem Eingang die schwere, golden-lederne Menü-Karte durch. Verlassen hocherhobenen Hauptes den heiligen Ort.

Djadja Wanja, Baustelle. Tiflis, hübsch, weinumrankte Veranda. Nichts gegen „Gelawadse“, das georgische am Arbat, K. nennt es Schewardnadse. Mama Soja heißer Tipp unter Studenten, Soja sitzt wenig Platz sparend mitten in einer Art privater Küche, schneidet Zwiebel. Wir stinken schon vom Hineinschauen.

Auf zum „Schewardnadse“. Sehr scenic, Welse schwimmen unter einem, Georgier, die Kärntner Russlands, singen am Nebentisch. Rechnung astronomisch, aber ich habe den beiden viel zu verdanken. Russland inside. Ich wohnte in einem Depri-Plattenbau am Proletarskij (!) Prospekt, sehr sowjetisch.

Erleichtert, auch um sämtliche Rubelchen, kehre ich heim.

© Margret Moser