H A I R

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H A I R | story.one

Liabe Greta, alls paßt, wenn de lei...Eine wirklich sehr persönliche Geschichte.

Wenn ich morgens aufstand und Mutti mich sah, schlug sie die Hände zusammen: Wia schaugst denn DU aus?! Und lachte!!! Was dieser Satz in mir als 14-Jähriger auslöste, kann sich wohl jeder feinfühlige Mensch vorstellen. Kein Wunder, dass ich anfällig war für die Schminktipps unserer Sommergästinnen. Eine aus Berlin hatte WIMPERNTUSCHE dabei! In einem sogenannten Necessaire, frei übersetzt NotwendigSchatulle. Eine echte Wunderkammer (auf russisch Wunderkamer, mit einem m). Eine neue Ära begann. Ich konnte es nicht glauben, wie lang meine Wimpern wurden. Sind das wirklich MEINE?

In meiner Lieblingstante Hanna, der einzigen Schwester von Mutti, fand ich mein Ganzjahres-Idol. Mutti war ein hässliches Entlein, Tante Hanna ein weißer Schwan. Sie hatte alles, was ich nicht haben durfte. Dazu noch ein weißes Kleid mit riesigen Polkadots in allen Farben. Und Schuhe, die sie auf den Namen meiner schwer schuftenden Mutter kaufte. Wenn Mutti in Spittal in irgendein Geschäft kam, hieß es immer: Äh, Moment amal, wir hätten da eine Rechnung…

Zu den Kleidern „trug“ Tante Hanna in den 50er Jahren auch eine flotte Vespa. Meine ganz persönliche Marilyn Monroe. Sprühend vor Lebensfreude.

Papa war mit meiner Entwicklung nicht einverstanden. Er hasste meine göttliche Tante und dachte, ich würde ein "Flittchen" werden. Entsprechend pfiff er mich auch schon – im Sommer – um 2oh zurück. Da war es noch STUNDENLANG heller Tag! Wie ich litt an diesen langen, lauen Sommerabenden, die es heute kaum mehr gibt. Meine Haare durfte ich mir nur 1x wöchentlich waschen. Was z.B. einmal bei einem Schulkollegen die Frage „evozierte“: Moser, hast du nasse Haar? So fett waren sie.

Oh Gott, war das schlimm! Aber Papa fürchtete, ich könnte durch "zu oftes" Haarewaschen auf die schiefe Bahn geraten. Und der Wasserverbrauch war’s auch ein bisschen. Wahrscheinlich. Wir hatten einen 150 Liter-Boiler, der musste für uns 4 plus 12 Sommergäste reichen. Dass ich im Sommer meine Füß nicht wusch, zählte für Papa nicht als Argument.

Die Haare wurden zum lebenslangen Trauma. Schuld war Mutti, wie immer, aber auch meine Omi. Die hatte Haare wie Kaiserin Sisi. Bis über den A...Popo, schwarz wie Ebenholz, 2 Zöpfe, jeder dick wie „mein Unterarm“, sagte Mutti. Und sehr schwer. Wegen ihrer ständigen Migräne musste sie die Haare oft abschneiden, um den Kopf zu entlasten. Und dann waren sie im Nu wieder elendslang nachgewachsen. NIEMAND in der weiblichen Verwandtschaft hat diese Haarpracht geerbt. Mutti erbte die Migräne von Omi und die dünnen Härchen von Opapa. Und ich das Haar-Trauma.

Meine Freunde hatten komischerweise alle wunderbare, dunkle, dichte Locken. Wenn ich mit einem von ihnen - nacheinander natürlich - in der Wohnzimmertür erschien, sah ich sofort den mitleidigen Blick meiner Mutti und hörte ihren unausgesprochenen Satz: Alls passt, Gretale! Wenn de lei scheenere Hair hättest!

© Margret Moser 16.07.2019