Hammad und der Duft der Berge

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Hammad und der Duft der Berge | story.one

Ich hätte es ahnen müssen, der Titel der Reise war „duftig“, dennoch hatte das Reisebüro nicht verschleiert, dass es sich um Bergland handelt. Zu blumig war die Beschreibung. Von den blühenden Gärten des Jahrtausende alten Stammes der Beduinen mit Namen Djebelejah war die Rede, von Granatäpfeln, Fladenbrot, Datteln und Tee. Vom gemütlichen Lagern am abendlichen Feuer unter dem unendlichen Sternenzelt Afrikas. Dazwischen lagen die Pässe.

Wenn wir morgens loszogen, lagen die Kamele Samba und Vogel noch friedlich vor den steinernen Mauern der Gärten, die unser Nachtlager waren. Auch von den „Kamelbuben“ sahen wir in der Früh kaum etwas. Sambas Führer hieß Ramadan, wie der heilige Monat. Ein fröhlicher 19-jähriger, er buk das Fladenbrot für unser Frühstück.

Das Vögelchen war im Besitz von Mohammad, kurz Hammad. Für mich das personifizierte Geheimnis des Morgenlandes. Ein „Hauch“ von einem Mann, feingliedrig, graziös, dunkle samtene Haut, schwarze, fast glühende Augen, das Weiß herum weißer als weiß. Ich sah ihn nie essen, auch nicht abends, nach 17h, wenn alle anderen kräftig zulangten nach dem langen, heißen Tag ohne Wasser und Nahrung. Hammad rauchte nur eine nach der anderen. Sogar die Zigarette sah umwerfend aus in seinen schlanken Händen.

Morgens, bevor wir uns auf den Weg machten, hörte ich, wie unser Beduinenführer Farag noch mehrmals versuchte, Hammad zu wecken. Wobei ich nicht hätte sagen können, wo er schlief. Er war so dünn, dass er, sogar samt Kopf unter einer Decke liegend, kaum auszumachen war. Allein die Richtung, in der Farag seine Weckversuche lenkte, ließ mich ahnen, wo er sich befand.

Abends lag er in geheimnisvoller Pose am Feuer. Blendend weiße Kappe, weinroter langer Mantel mit Kapuze. Er erinnerte mich an einen aparten Judas. Gleichmütig beobachtete er uns, redete nie mit, obwohl er offenbar Englisch konnte, rauchte Kette, trank Tee. Ab und zu verlagerte er sein Gewicht von der linken auf die rechte Schulter. Und lag dann wieder stundenlang pittoresque vor sich hin. Viele Stunden wob ich in meinen Gedanken Geschichten um ihn.

Einmal sagte ich zu Margaretha, der vorarlbergischen Witwe nach einem Syrer: Wie der Hammad melancholisch dreinschaut ! Sie darauf ganz nüchtern: Vielleicht ischer a lei irrrrsinnig långwailig. Dieser Deutung wollte ich mich nicht anschließen. Sie war mir für’s Morgenland doch etwas zu unterkühlt.

Nach Tagen, da wir ihn, jeder aus eigener Sicht und Sozialisation heraus, beobachtet hatten, sagte der Kårl eines Abends, als Hammad sich zum Gebet gen Mekka erhob: Den Kerl bewahrt a nur sei Religion vorm Decubitus.

Diese Bemerkung – und eines Tages der morgendliche Anblick von Hammad ohne Umhang und Käppi, unter dem eine ganz kurze, strubbelige Frisur zum Vorschein kam - desillusionierten dann doch auch mich gründlich. Die Enttäuschung war für mich, die ich so gerne träume, vor allem im Orient, kaum zu ertragen. Ich wünschte, Hammad hätte sein weißes Käppi nie abgenommen...

© Margret Moser 13.12.2019